Zinspolitik im Dilemma oder von Falken, Tauben und Krähen

Standpunkt Mai 2018

Zinspolitik im Dilemma oder von Falken, Tauben und Krähen

Dr. Sebastian Klein – Vorstandsvorsitzender der Fürstlich Castell’schen Bank

Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 haben die Notenbanken weltweit in den Krisenmodus geschaltet. Nullzinsen, Refinanzierungsfazilitäten und Wertpapierkäufe – dieser Dreiklang von Instrumenten wurde aktiv eingesetzt. Mit konventionellen und nicht konventionellen Maßnahmen sind die Notenbanken ihrer Rolle als »lender of last resort« gerecht geworden. Und das war bitter nötig, stand doch – neben dem Deflationsgespenst – die Stabilität des Finanzsystems per se und einzelner Währungen in Frage. Bereits gut ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt sah sich Mario Draghi gezwungen, die Bereitschaft und Fähigkeit der EZB zum Schutz des Euro zu betonen. »Whatever it takes« ist zu Recht zum geflügelten Wort geworden. Ähnliche kommunikative und faktische Initiativen gab es von den Notenbanken in den USA, Japan, Schweden und der Schweiz. Daher wurde das Schlimmste verhindert. Von einer Instabilität des Finanzsystems ist keine Rede mehr. Das Vertrauen in den Euro ist zurückgekehrt. Eine von uns durchgeführte aktuelle Umfrage unter Vermögensmillionären zeigt, dass sich seit 2016 der Anteil der über die Zukunft des Euro Besorgten halbiert hat.

Weltweit synchrones wirtschaftliches Wachstum, stabile Wechselkurse und moderate Inflationsraten – die Volkswirtschaft scheint ein günstiges neues Gleichgewicht gefunden zu haben. Und doch zeigt die Eurobarometerumfrage, dass mehr als 40 % der Bürger der EZB misstrauen. Reale negative Zinsen für
Einleger könnten gerade im Land der Sparer, Deutschland, ein Grund dafür sein. Die Sorge vor einem »Platzen« von wahrgenommenen oder sich abzeichnenden Blasen in bestimmten Anlageklassen ist ein weiterer Faktor. Vor diesem Hintergrund wird auch die Forderung des Chefs der Bundesbank verständlich, zügig eine Normalisierung der Zinspolitik einzuläuten, damit die Zentralbank wieder Munition für die nächste Krise aufbauen kann. Die USA sind hier bereits weiter, sie haben mit dem sogenannten Quantitativen Easing allerdings auch rund drei Jahre vor der EZB begonnen!

In der Finanzwelt spricht man von dem Kampf zwischen Falken und Tauben, als den zwei Fraktionen in den Notenbanken. Diese Metapher symbolisiert das Dilemma: Soll ein radikal restriktiver geldpolitischer Kurs mit dem Risiko des »Abwürgens« der Konjunktur (»Falken«) oder ein moderat akkommodierender Kurs mit dem Risiko einer starken Inflation (»Tauben«) eingeschlagen werden? Wir glauben, dass zunächst der geldpolitische Kurs zwischen den USA und Europa divergent bleiben wird. Grund ist der zeitliche Versatz der unkonventionellen Maßnahmen. Damit gewinnt ein international aktives Rentenmanagement an Bedeutung. Wir haben gezeigt, dass für Investoren dennoch Renditen um die 2 % p. a. möglich sind, also oberhalb der derzeitigen Inflation im Euroraum. Und vielleicht ist weder der Falke noch die Taube das richtige Profil für die Notenbanker der Zukunft. Innovationskraft scheint gefragt: Restriktive Schritte mit Optionalität und kommunikativer Begleitung. Biologen haben die Krähe als denjenigen Vogel identifiziert, der an Innovationskraft den anderen überlegen ist und mit neuen Herausforderungen am geschicktesten umzugehen weiß. Vielleicht eine neue »Spezies« im bildhaften Vokabular der Finanzwelt.