Wachstumswelle statt Konjunkturdelle

Vor einigen Tagen veröffentlichte das Statistikamt der Europäischen Union (Eurostat) seine Schätzungen zum Wirtschaftswachstum in der EU für das 2. Quartal 2018. Viele Marktbeobachter waren ob des durchweg positiven Ergebnisses erleichtert. So legten insgesamt alle 28 EU-Länder in Sachen BIP zu. Unterm Strich ergab sich ein EU-weites leichtes Plus von 0,4 Prozent verglichen zum Vorjahresquartal, und ein gar noch größeres Wachstum von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Deutschland erwirtschaftete in Q2 2018 ein BIP-Plus von 0,5 Prozent (plus 1,9 Prozent zum Vorjahreszeitraum), in den Niederlanden und Spanien wuchs die Wirtschaft im 2. Quartal des laufenden Jahres sogar noch etwas mehr, nämlich um 0,7 Prozent respektive um 0,6 Prozent. Frankreich und das derzeitige EU-Sorgenkind Italien konnten zumindest um 0,2 Prozent zulegen. Die endgültigen Eurostat-Zahlen folgen Anfang September.

Die Prognosen der Analysten lagen bei einem EU-weitem Plus von 0,3 Prozent von Q1 zu Q2 2018 bzw. von 2,1 Prozent zum Vorjahreszeitraum und bei einem deutschen BIP-Wachstum von 0,4 Prozent von Q1 zu Q2 2018.

„Trotz“, der neue Wirtschaftsmotor

Natürlich ist dies kein exorbitantes Wachstum. Und doch sind scheinbar alle sehr zufrieden mit den vorübergehenden BIP-Zahlen – und damit, dass die Einschätzungen leicht übertroffen wurden. Der Grund findet sich in der Konzessiv-Konjunktion „trotz“, ein Verbindungswörtchen, das von Natur aus auf Einschränkungen zielt. Und von denen gibt es derzeit einige.

Das Stop-and-Go in Richtung Brexit-Sackgasse und ein transatlantischer Strafzölle-Ping-Pong gehören sicher dazu. Hinzu kommt nun der Handelskonflikt zwischen den USA und der Türkei, der aufgrund vieler Faktoren leider einiges an Eskalationspotential birgt.

Und doch war dieses kämpferische Trotz bisher stark genug, um alle neuen und bestehenden Handelshürden zu überwinden. Die einen sagen dank Rückenwind vergangener Dynamik oder verweisen auf das „Strafzölle-Stillhalteabkommen“ zwischen Juncker und Trump, die anderen sehen den Eigenantrieb als konjunkturellen Impulsgeber. Gerade in Deutschland waren es laut Bundeswirtschaftsministerium „binnenwirtschaftliche Impulse“ und eine stärkere Investitionstätigkeit wie auch die Baugewerbe-Hochkonjunktur und ein Plus bei den Exporten und den privaten Kfz-Neuzulassungen.

Die aktuellen und womöglich künftig weiter bestehenden Unwägbarkeiten – also Strafzölle, Brexit (oder der Exit davon) und der Verfall der türkischen Lira – konnten dem BIP-Wachstum in Deutschland wie auch in der EU bisher keine Delle verpassen. DIE OECD glaubt an das weltweite Momentum und prognostiziert für 2018 ein Welt-BIP-Wachstum von 3,8 Prozent. In 2019 soll es gar plus 3,9 Prozent betragen.

Andere Wirtschafts- und Konjunkturforscher geben der kräftigen Konzession „Trotz“ zwar einen gebührenden Raum, betrachten die bestehenden und künftigen konjunkturellen Einschränkungsszenarien jedoch mit wachsamem Auge.

Die August-Ausgabe des ZEW-Finanzmarkttest beispielsweise vermeldete mit 7,6 Punkten zwar einen kräftigen Zuwachs der positiven Erwartungen an die Konjunkturentwicklung, doch drehte sich der nun bei minus 11,1 Zählern liegende Indikator (noch) nicht ins Plus. Konkret glauben 13,7 Prozent der befragten Finanzexpertinnen und Finanzexperten an eine Verbesserung der konjunkturellen Situation in und für Deutschland – und damit 4,7 Prozent mehr als im Vormonat. Über die Hälfte (58,9 Prozent) erwartet keine Veränderungen und 27,4 Prozent glauben an eine sich verschlechternde wirtschaftliche Lage – immerhin 4,3 Prozent weniger als im Vormonat.

73,1 Prozent der befragten Finanzexpertinnen und Finanzexperten hingegen stufen die aktuelle konjunkturelle Lage als gut (plus 0,2 Prozent), 26,4 Prozent als normal und nur 0,5 Prozent als schlecht ein. Der ZEW-Konjunktur-Indikator für den Euroraum gab um 6,2 Zähler auf 30,0 Punkte nach.

Der ifo Geschäftsklimaindex schließlich sank im Juli auf 101,7 Punkte (Juni: 101,8 Punkte). Dieser Stand spiegelt eine einerseits verbesserte Einschätzung der aktuellen Geschäftslage durch die Unternehmen und andererseits verhaltene Konjunkturerwartungen wider.

So gibt es also Höhen und Tiefen in den Erwartungen an die Konjunktur und an ihre Entwicklung und ebenso unterschiedliche Interpretationen der Ergebnisse. Die Brücke über die negativen hin zu den positiven Erhebungen aber bildet zumindest in diesem Quartal das kraftvolle Trotz.

Fazit:

Gerade in einer solchen Situation – positive wirtschaftliche Grundtendenz, aber potentielle merkliche Störfeuer – kann sich unser risikoorientierter Investmentansatz bewähren. Sollten nämlich die Störfeuer, die wir im Rahmen unserer integrativen Risikomessung intensiv beobachten, als konjunkturell schlagend erweisen, werden wir entsprechende Schritte zur Risikoreduzierung vornehmen.