Hoher Seegang für die Türkei oder K(l)eine Lichtblicke für die Lira am Horizont?

Die türkische Wirtschaft schwimmt, die Lira droht unterzugehen, die Liquidität des Landes wird trockengelegt. Angesichts all dieser „See-narien“ wundert es nicht, wenn sowohl Präsident Recep Tayyip Erdogan wie auch Außenminister Mevlüt Cavusoglu nun in Richtung EU zurückrudern. Denn die Angst vor einer wirtschaftlichen Havarie nimmt konkrete Gestalt an. Doch Macron und Merkel ließen beide bisher abblitzen. Finanzhilfen aus Deutschland? Aktuell kein Thema! Zollunion und Einführung der Visumfreiheit? Nicht ohne Reformen! Mit Österreich an der Spitze der EU-Ratspräsidentschaft hat die Türkei zudem einen schweren Stand, um Verhandlungen über einen EU-Beitritt in Bewegung zu setzen.

Derweil brechen schrittweise die Dämme. In einer aktuellen Studie berichten Analysten von JP Morgan, dass die Türkei bis Mitte 2019 etwa 153 Milliarden Euro an Auslandsschulden tilgen muss. Das entspricht ihren Schätzungen zufolge einem Viertel des türkischen BIP. Der Löwenanteil dieser Auslandsschulden entfalle vor allem auf Banken. Zudem müssen bereits Ende dieses Jahres rund 27 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten getilgt werden. Parallel dazu senkte die Ratingagentur Moody’s ihren Daumen über insgesamt 18 türkische Banken. Vom Downgrade betroffen sind die IsBank und die Denizbank – zwei der größten und wichtigsten Institute des Landes. Beide mussten gar zwei Rating-Etagen abwärts gehen. Die türkische Lira sinkt nunmehr in stetig tiefere Gewässer. Seit Jahresbeginn gab sie um über 40 Prozent und alleine seit Beginn des Streits mit den USA im August um fast 24 Prozent nach.

Türkische Zentralbank greift in die Trickkiste

Die türkische Zentralbank versucht indes mit einem geschickten Täuschungsmanöver den Anschein zu erwecken, dass sie die Geldschleusen nun wieder schließen könne. Hatte sie am 13. August noch in einer quasi „Draghischen“ Rhetorik angekündigt, die türkischen Banken mit aller von ihnen benötigten Liquidität zu versorgen und damit versucht, die Märkte zu beruhigen, teilte sie nun in einer Pressemitteilung mit, dass sie wieder Kreditlimits für den Interbanken-Geldmarkt einführt. Diese Grenze liegt nun bei 44 Milliarden Lira (ungefähr 5,9 Milliarden Euro). Bis Mittwoch lag das Limit noch bei 22 Milliarden Lira. Diese de-facto Verdopplung, die aber als die Wiedereinführung einer Grenze verkauft wird, sendet verwirrende Signale an die Märkte. Dort nämlich wollte man eher etwas hören, das mit „Zins“ beginnt und mit „Erhöhung“ endet. Eine Art „Zinserhöhung light“, bei der die Zentralbank den Kreditinstituten nur noch Liquidität über den teureren Zins für Übernachttransaktionen gewährt, enttarnte jeder als Seemannsgarn.

Die Banken sehen sich damit einer verkappten Geldverknappung gegenüber. Entsprechend hoch sind daher die Erwartungen an die Sitzung der türkischen Zentralbank am 13.September. Doch sollten auch nach diesem Treffen keine klaren Signale zu sehen sein – vor allem mit Hinblick auf die Frage, wer nun wirklich das Währungssteuer in der Hand hält – wird das Vertrauen in die türkische Wirtschaft und Währung weiter sinken. Gleichzeitig aber steigt ob der hohen Auslandsschulden der Bedarf an Liquidität. Viele Banken haben an Bonität verloren und wurden – wie die Türkei selbst –durch alle drei großen Ratingagenturen noch tiefer auf sogenanntem Ramsch-Niveau eingestuft. Daher wird der Zugang zu frischem Kapital bedeutend teurer.

Machtwort für den Markt

Es bedarf eines Machtwortes von richtiger Stelle, um den Exodus der Anleger aus der Türkei sowie die Verbannung der Lira aus den Depots kurzfristig zu verlangsamen und mittelfristig gar zu stoppen. Jedoch langfristig sind tiefgreifende wirtschaftliche Reformen, eine Anhebung des Leitzinses, weniger Autokratie und im Gegenzug mehr Meinungsfreiheit sowie Demokratie unausweichlich gefordert. Dies würde Investoren davon überzeugen, dass die türkische Wirtschaft wieder an Fahrt aufnehmen kann. Alptraum-Szenarien wie ausfallende Kredite, Bankenrettung durch den Staat (und damit einhergehend dessen höhere Verschuldung), Rezession und Insolvenzen von hoch in Euro- und US-Dollar verschuldeten Unternehmen, werden Investoren hingegen weiträumig umschiffen.

Stehen somit alle Zeichen auf hohem Seegang für das Land am Bosporus? Ein kleiner Lichtblick am Horizont ist zu sehen. Nach ersten Informationen zur Folge verringerte sich das Außenhandelsdefizit im Juli auf aktuell rund 6 Milliarden US-Dollar, zum Vergleich im Juli 2017 betrug es noch 8,8 Milliarden US-Dollar. In diesem Zuge Exporte stiegen im Jahresvergleich um 11,6 Prozent, während die Importe um 6,7 Prozent fielen. Betrachtet man indes die Entwicklung des Außenhandelsminus von Januar bis Juli dieses Jahres, so bleibt es nur ein kleiner Lichtblick, denn dieses lag bei insgesamt fast 47 Milliarden US-Dollar und damit deutlich höher als im Vorjahreszeitraum mit weniger als 40 Milliarden US-Dollar.

Daher bleibt die See weiterhin stürmisch und zwingt zum Abwarten, was die Treffen der deutschen und türkischen Finanz- und Wirtschaftsminister im Vorfeld des Besuchs von Präsident Erdogan bei Bundeskanzlerin Merkel wie auch das Zusammentreffen der beiden Regierungschefs Ende September selbst an Ergebnissen bringen werden. Am Ende, so die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer, liegt Deutschlands Interesse in einer stabilen, prosperierenden und demokratischen Türkei. Und wirtschaftliche Beziehungen tragen dazu bei, gemeinsamen Kurs auf dieses Interesse zu halten.

In unserer Vermögensverwaltung bleibt der Kurs für die nächsten Wochen weiter gesetzt: Wir glauben an die Chancen der Aktien, verlieren aber die großen Probleme der Welt nicht aus den Augen und halten an unseren Gegengewichten fest. Wenn unser Risikoszenario eintritt, werden wir einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unseres Ansatzes Gewinne sichern und unsere Risikobudgets verteidigen und falls nötig in »sichere Häfen« umschichten.