(Happy) Birthday, Brexit!?

Britische Jugend gibt der Vernunft eine Stimme

Der Brexit feierte am 23. Juni seinen zweiten Geburtstag. Das ist Anlass genug für eine Retrospektive und einen mutigen Blick in die Zukunft.

Am 23. Juni 2016 stimmten die Briten über ihren Verbleib in der EU ab. Der Ausgang dieser Abstimmung ist uns allen bekannt und einer der Gründe dafür, wenn auch nur in statistischer Hinsicht: Die britische Jugend „verschlief“ das Votum.

Seitdem ist viel passiert und manches davon haben wir schon in der Vergangenheit thematisiert und mit vielen Äußerungen Recht behalten. Im Mai 2017 titelten wir in unserem Anlagebrief „Exit vom Brexit?“. Damals waren für den 8. Juni 2017 Wahlen zum Unterhaus angesetzt. Der Plan von Theresa May zum dortigen Zeitpunkt war klar, das Nutzen der damaligen Umfragewerte der Konservativen und somit mehr innenpolitische Rückendeckung für den Brexit-Kurs der Regierung. Wir warnten vor solchen politischen „risky moves“ und prophezeiten ein mögliches „Erwachen“ der jungen Brexit-Nichtwähler. So kam es dann auch.

Die innenpolitische Zustimmung der Regierung May schmolz zusammen und die Verhandlungsposition der britischen Regierung mit der EU wurde deutlich geschwächt.
Als überzeugte Europäer nahmen wir diese Entwicklungen zum Anlass zur Umkehr aufzurufen und titelten im August 2017 „Put a brake on Brexit“. Damals zeichneten sich die ersten „Schleifspuren“ in der zukünftigen Wirtschaftsdynamik des Vereinigten Königreichs ab und ganze Branchen planten mit ihren Unternehmenszentralen den Abzug von der Insel. Auch die Demoskopen ermittelten im August 2017 mit 61 % eine erhebliche Ablehnung gegen den Kurs der Regierung.

Nun befinden wir uns, zwei Jahre nach der Volksbefragung zum Brexit, nach wie vor in einer verfahrenen Situation. Während der finanzpolitische Ausschuss der Bank of England (BoE) in seinem aktuellen Financial Stability Report guter Dinge ist, dass das britische Banksystem auch einen ungeordneten (sprich: chaotischen) Brexit gut überstehen würde und selbst in einem solchen Szenario die britische Wirtschaft stützen könnte, sieht die Europäische Bankenaufsicht (EBA) das „slightly different“. Sie ermahnte die britischen Finanzinstitute, ihre Anträge auf EU-Lizenzen bis Ende des laufenden Monats einzureichen, da ansonsten nicht gewährleistet sei, dass die jeweilige Erlaubnis zum Mitmischen auf dem EU-Finanzmarkt bis zum tatsächlichen Brexit erteilt werden könne.

Die BoE ihrerseits betonte, man habe Fortschritte bei Vorkehrungen zur Abwendung möglicher Verwerfungen im Bereich der Finanzdienstleistungen gemacht (wenn auch mit Luft nach oben) und wies darauf hin, dass es ja schließlich auch an der EU läge, Tumulte an den Finanzmärkten zu verhindern.

Alleine aus diesen Äußerungen heraus erkennen wir die nach wie vor verhärteten Fronten. Mittlerweile kommen erhebliche Zweifel auf, ob der Brexit-Zeitplan zur Verhinderung eines unkontrollierten Brexits einzuhalten ist.

So hoffen wir auf mehr innenpolitischen Druck in Richtung der Hardliner in den Reihen der britischen Regierung. Und ja, es gibt Anlass für vorsichtigen Optimismus. Zum zweiten Jahrestag des Brexit-Votums gab die britische Jugend der Vernunft eine Stimme. 100.000 Demonstranten machten in London ihrem Unmut Luft und forderten ein neues Votum darüber, wie sich die Briten Ende März 2019 aus der EU verabschieden sollten: hart, halbherzig oder gar nicht.

Ob die Stimme der Vernunft bei der britischen Regierung nun Gehör findet oder nicht, können wir nicht sagen. Ein starkes Europa mit UK wäre aber auf viele Fragen und Probleme der Zukunft die bessere Antwort.