„Guerilla Gardening“ des Belpaese?

Bereits in den 1970er Jahren gab es in den Metropolen der westlichen Welt eine sogenannte Naturgartenbewegung mit der Intention „Wildes Grün der Städte“. Der Begriff des „Guerilla Gardening“ hatte dort seinen Ursprung, fand jedoch verstärkte Aufmerksamkeit im Jahre 2000 als sich Umweltaktivisten, Globalisierungsgegner und Anarchisten mit Gärtengeräten und Pflanzensetzlingen daran machten, eine Rasenfläche am Parliament Square in London umzugraben und neu zu bepflanzen unter der Bekundung „die Straße zurückzuerobern.“ Zugegeben mag diese aktivistische Form des Gärtnerns auf den ersten Blick vielleicht übertrieben erscheinen, jedoch der Grundgedanke hässliche und karge Flächen wie Industriebrachen mit Saatbomben zu begrünen, wohl eher nachvollziehbar. Vielleicht die richtige Strategie, um im „schönen Land“ Italien das wirtschaftliche Panorama wieder positiv zu verändern?

Für viele Italiener ist Matteo Salvini der Retter Roms. Für andere steht der Innenminister und Vize-Regierungschef für einen drückendenden Sollsaldo. Daher erscheint es mehr als überfällig, dass die amtierende Regierung aus Lega und 5-Sterne-Bewegung endlich in die Gänge kommt und den so dringend notwendigen Schuldenabbau anstößt. Zudem erwarten die Märkte vielmehr konkrete Sparmaßnahmen als Sprachtiraden Salvinis. Schließlich verschandelt schon seit längerer Zeit ein etwa 130 Prozent des BiPs messender und 2,3 Billionen Euro breiter Schuldenberg den wirtschaftspolitischen Ausblick Italiens.

Das bestehende Defizit entgeht auch nicht den Argusaugen der Investoren. Seitens Rom ist daher akute Landschaftspflege dringend erforderlich, um die Sicht auf perspektivisch blühende Landschaften zu lenken. Matteo Salvini und sein Koalitionspartner Luigi di Maio sind zuversichtlich. Laut Haushaltsentwurf für 2019, der bis Ende September vorliegen soll, wird sich Italien, wenn auch knapp, an die Maastrichter Defizitgrenze von maximal 3 Prozent Neuverschuldung halten. Dank dieses pittoresken Ausblicks gewährten die Anleger Italien einen wohl dosierten Vertrauensvorschuss: Die Rendite zehnjähriger Italienischer Anleihen sank knapp unter drei Prozent.

In einem Radiointerview allerdings trennte Salvini dann die sprachliche Spreu vom Weizen. Natürlich werde die Regierung am schrittweisen Abbau des Defizits und der Schulden festhalten, andererseits werde das Einhalten der Maastricht-Regeln den Bedürfnissen der Italiener untergeordnet. Diese Forderungen der italienienischen Bevölkerung sind identisch mit den Wahlversprechen von Lega und Fünf-Sterne-Bewegung, also u.a. Grundeinkommen und Flat Tax. Jedoch bedeutet dies höhere Ausgaben und wirft folglich die Frage auf: Womit sollen diese finanziert werden, bei gleichzeitigem Sparkurs? Darauf blieb Italiens Innenminister bisher eine Antwort schuldig. Die Bevölkerung indes belohnte Salvini dafür mit einem vorzeitigen „100-Tage-im-Amt“-Geschenk: Mit 32,2 Prozent der Stimmen liegt die Lega in aktuellen Umfragen mittlerweile klar vor ihrem Regierungspartner Fünf-Sterne-Bewegung (28,3 Prozent). Auch Salvinis persönliche Beliebtheitswerte sind stark gestiegen.

„Gardening“ als Allroundmittel

Der Fokus des Sparens gilt übrigens auch für die Zinsen, die Rom an seine Anleihegläubiger zahlen muss. Dieses Jahr werden davon knapp 78 Milliarden Euro fällig. Sinkt das Vertrauen in Salvinis Willen, sich an den europäischen Stabilitätspakt zu halten, könnte eine erneute Flucht der Anleger aus den Anleihen folgen. Dieses Szenario bestand zuletzt im Juni dieses Jahres als italienische Staatsanleihen im Wert von 38 Milliarden Euro verkauft wurden und in Folge dessen die Zinsen auf über 3 Prozent stiegen. Ziehen in diesem Zuge die Risikoaufschläge für italienische Titel erneut schnell und womöglich langfristig an, fällt letztlich auch die finanzielle Belastung für den italienischen Haushalt höher aus. Somit würden zudem die italienischen Banken als die größten Gläubiger des Landes in Mitleidenschaft gezogen werden. Branchenriesen wie Intesa Sanpaolo und UniCredit verfügen über Titel im Wert von 81,4 Milliarden Euro respektive 54 Milliarden Euro. Außerdem haben die Finanzinstitute mit notleidenden Krediten von etwas mehr als 186 Milliarden Euro ihren eigenen Schuldenberg zu stemmen. Stetig teurer werdende Kreditausfallversicherungen für italienische Staatsanleihen und das – seitens des Wirtschafts-und Finanzministers Giovanni Tria – prognostizierte 1,2 Prozent schwache Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr (zwischen 1,0 und 1,1 Prozent für 2019) engen den Spielraum für Rom ebenso ein wie die Tatsache, dass den italienischen Anleihen mit Auslaufen des EZB-Aufkaufprogramms Ende 2018 der sichere Hafen fehlen wird.

Umso mehr bemühte sich jüngst der parteilose Giovanni Tria um etwas mehr Zuversicht in Italiens Wirtschaftspläne, indem er betont, dass er bei der Neuverschuldung unter zwei Prozent bleiben wolle. Dabei spürte er sicherlich die Argusaugen der Ratingagenturen: Fitch nahm die Zweifel am Defizitbewusstsein Roms bereits vorweg und stufte den Ausblick auf Italiens „BBB“- Bonität von “stabil” auf “negativ” herab. Der nächste Schritt könnte ein Downgrade sein. Gleichzeitig drohte bereits Moody’s an, das weitere Bestehen des Baa2-Ratings mit negativem Ausblick davon abhängig zu machen, wie schlüssig die Budgetpläne sind, die Giovanni Tria am 15. Oktober in Brüssel vorlegen muss.

Besänftigung der Götter des Spreads

Matteo Salvini bleibt indes zuversichtlich und lenkt den Blick der Investoren lieber ins Nebulöse-Religiöse. Als er in einem Interview mit der Deutschen Welle am Rande einer Parteiveranstaltung gefragt wurde, wie er es sich erklären könne, dass sich der Spread für italienische Staatsanleihen verdoppelt hat, seit die Lega und die Fünf-Sterne-Bewegung amtierende Regierung sind, verwies er auf die Unabhängigkeit Italiens von großen Investoren und der Macht der Banken. Die Wirtschaft und die italienischen Unternehmen seien gesund und die von seiner Regierung angestrebten Reformen würden alle Fragen beantworten – vor allem jene der sogenannten Märkte und auch die der Götter des Spreads. Bleibt zu hoffen, dass Salvini Italien nicht auf dem Altar der Wahlversprechen opfert und der Haushaltsentwurf für 2019 den Investoren endlich wieder die wirtschaftlichen Sonnenseiten des Belpaese zeigt.

Diesen aktuellen Entwicklungen stehen wir mit unserer Vermögensverwaltung, bis die finalen Budgetpläne auf dem Tisch liegen, mit einer skeptischen und abwartenden Haltung gegenüber. In den letzten Tagen haben wir den positiven Verlauf italienischer Staatsanleihen beobachtet. Allerdings schließen wir eine weitere Ausweitung des Spreads in den nächsten Wochen nicht aus. Unsere Grundstimmung zum „schönen Land“ bleibt weiterhin positiv, wenn der richtige Pfad des „Gardening“ (Sparkurs), falls notwendig auch des „Guerilla Gardening“, des Belpaese erfolgt.