Fly me to the moon

Heute wird sich am nächtlichen Himmel ein besonderes Spektakel vollziehen. Wir werden Zeugen der längsten Mondfinsternis des Jahrhunderts. Eine Mondfinsternis kann im Groben in drei besonders interessante Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase beschreibt den Eintritt des strahlenden Mondes in den Erdschatten, die zweite Phase zeigt zur Gänze einen verdunkelten Mond und in der dritten Phase tritt der Mond wieder aus dem Erdschatten heraus und beginnt erneut zu leuchten.

Nun eine ähnliche Beschreibung könnten wir bei Handelskriegen bemühen. In welcher Phase wir uns genau befinden, ist beim volatilen Verhalten des Hauptverantwortlichen für das genannte Szenario, schwer zu bestimmen.

Doch mit Blick auf die vergangenen beiden Wochen lässt sich zumindest ein leichter Schimmer an unserem „Mond“ wieder erkennen.

Der Sojabohnendeal

Am 25.07. trafen sich der amtierende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker und US-Präsident Donald Trump, um etwas „very positive“ entstehen zu lassen. Im Detail sollte es um die Beseitigung aller(!) Zölle zwischen den USA und der EU gehen. Was am Ende dabei heraus kam, war ein Deal auf Basis von Flüssiggas und landwirtschaftlichen Produkten (Sojabohnen). Das Interessante daran ist nicht der Umfang des „Deals“ sondern der Zeitpunkt.

Yes, we JEFTA

Seit Washington mit immer neuen (Androhungen von) Strafzöllen nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen von dies- zu jenseits des Atlantiks belastet, sucht die EU nach adäquaten Antworten, die über symbolische Strafzoll-Retourkutschen hinausgehen. Mit dem Economic Partnership Agreement (EPA) – auch Japan-EU Free Trade Agreement, JEFTA, genannt – hat man nach gut fünf Jahren Vorbereitung nun eine solche starke Antwort gefunden, um den freien Verkehr von Dienstleistungen und Waren wenigstens zwischen Brüssel und Tokio aus seinem protektionistischen Korsett zu befreien.

Der Zeitpunkt könnte kaum symbolischer und strategischer gewählt sein: So soll JEFTA voraussichtlich Ende März 2019 in Kraft treten, praktisch pünktlich zum, zumindest offiziell, noch nicht verschobenen oder gar verworfenen Brexit-Termin Großbritanniens. Zudem setzten die Signatare ihre Unterschrift gut eine Woche vor dem Treffen des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker mit US-Präsident Donald Trump am 25. Juli.

Strategisch, symbolisch und kämpferisch

JEFTA ist nicht nur ein Zeichen für friedlichen und freien, regelbasierten Welthandel, sondern letztlich auch eine Kampfansage an Trumps regulatorische Handelsbarrieren. Dank JEFTA sollen praktisch alle noch bestehenden Zölle stark gesenkt bzw. de facto abgeschafft werden. Zwar lagen bereits vor JEFTA über die Hälfte der japanischen Importzölle bei Null Prozent (was dem höchsten Null-Prozent-Anteil an Zöllen innerhalb der G20 entspricht) , doch nun einigten sich Brüssel und Tokio darauf, dass auch noch die verbliebenen monetären Handelsschranken sukzessive fallen werden.

Niedrige Handelsbarrieren als Einstieg in attraktive Absatzmärkte

Von den niedrigen Handelsbarrieren versprechen sich die EU und Japan noch bessere und billigere Zugänge zu ihren attraktiven Märkten. Mehr als 500 Millionen Konsumenten in Europa und fast 130 Millionen in Japan sollen von billigeren Preisen für Produkte wie Käse, Wein, Schweine- und Rindfleisch, später aber auch von Autos profitieren. Genauso soll sich der Markt für Finanzdienstleistungen, Telekommunikation und Verkehr auf Gegenseitigkeit weiter öffnen.

Japan belegte 2017 mit einem jährlichen Handelsvolumen von knapp 130 Milliarden Euro Platz sechs im Ranking der wichtigsten EU-Handelspartner – unter anderem hinter den USA und China. Zudem ist es Deutschlands zweitwichtigster asiatischer Handelspartner. In Sachen Im- und Exporte stehen sich die EU und Japan in kaum etwas nach. Letztes Jahr erreichten Europa japanische Waren und Dienstleistungen im Wert von fast 69 Milliarden Euro. Rund 60 Milliarden setze Europa mit Exporten nach Japan um.

Japan, das Ertragswunderland

Andere Zahlen zeichnen ein ebenso vielversprechendes Investment-Bild von Japan: Laut World Investment Report 2017 der UN befindet sich das Land auf Platz fünf der weltweit vielversprechendsten Wirtschaften für 2017-2019. Die erwirtschafteten Erträge europäischer Investitionen in Japan lagen bei im Schnitt 6,6 Prozent – und damit weit über den durchschnittlichen Erträgen innereuropäischer Investments (3,4 Prozent). Zudem rangierten die Renditen auch über denen von Anlagen, die europäische Firmen in anderen außereuropäischen Ländern tätigten (3,9 Prozent).

Umso mehr hat dieser einmalige Euro-Pazifische Handelsraum viel Luft nach oben, was die Steigerung der Attraktivität beider Absatzmärkte und die Zunahme der Handelsvolumina sowohl von Waren wie auch von Dienstleistungen betrifft. Mit dem Export letzterer nach Japan erwirtschaftete die EU vor Kurzem noch rund 28 Milliarden Euro.

Zuwächse auch dank Einsparungen

Nun hofft man auf Zuwächse im zweistelligen (beispielsweise bei chemischen Erzeugnissen und elektrischen Maschinen) und teilweise gar im dreistelligen Prozentbereich (vor allem bei verarbeiteten Lebensmitteln). Und gerade deutsche Unternehmen setzen auf Wachstum, was die Einschätzungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan (AHK Japan) unterstreichen: Aktuell sollen etwa 12.000 deutsche Firmen in Japan geschäftlich aktiv sein. Für die nächsten Post-JEFTA-Jahre rechnet man mit einem fast branchenübergreifenden Plus im zweistelligen Prozentbereich. Auch könnten dank JEFTA die Handelsbeziehungen mit japanischen Unternehmen außerhalb von Japan (Drittmarktgeschäft) ihr Potential weiter ausbauen.

Neben dem Wachstum setzen alle auch auf Einsparungen, die laut EU-Kommission für die EU-Exporteure bei etwa einer Milliarde Euro pro Jahr liegen könnten.

Nicht zuletzt aber wollen Japan und die EU eine Art Leuchtturmprojekt starten, dessen strategische Strahlkraft bis nach Washington, womöglich auch nach London reicht und ein neues Selbstbewusstsein aussendet. Welches sich vor allem aus dem Bekenntnis zu einem freien, fairen, regelbasierten Welthandel speist und regulatorische Schranken wie auch protektionistische Allüren in den Schatten stellt.