EZB-Leitzinsen: Aufwärts mit Achtsamkeit

Achtsamkeit, das ist sozusagen Slow-Food für die Psyche. Bei dieser Meditationsdisziplin konzentriert man sich ausschließlich darauf, sich im Hier und Jetzt aufzuhalten, ohne den Moment zu bewerten. Ob die Beobachter der Anhörung des EZB-Präsidenten Mario Draghi vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel auch ein Achtsamkeitstraining absolviert haben, wissen wir nicht. In jedem Fall aber haben sie den perfekten Moment erwischt, um aus den Worten des Obersten Währungshüters herauszuhören, dass die Zinswende nun doch früher zu erwarten ist. Und anders als es die Achtsamkeit vorschreibt, haben die Marktakteure diesen singulären monetären Moment natürlich bewertet.

Mario Draghi hatte einführend gesagt: „Measures of underlying inflation […] have been increasing […] as domestic price pressures are strengthening and broadening.“ Der Preisdruck nimmt schneller als erwartet zu und das von der EZB angepeilte „Basisszenario“ einer Inflation, die sich in Richtung der Zwei-Prozent-Marke bewegt und langfristig dort verharrt, könnte sich nun doch eher einstellen.

Gehörtes ist Gesagtes

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet beeilte sich einen Tag später, die minutiösen Interpretationen der Worte Draghis in Richtung einer jetzt doch schnelleren Zinserhöhung zu stoppen. Man halte weiterhin an der Zins-Nullrunde mindestens über den Sommer 2019 fest, auch weil der Effekt der jetzigen Lohnerhöhungen auf die Inflation erst einige Monate später messbar sei. Doch die einmal entfachten Spekulationen über die Andeutungen seines Chefs konnte er nicht mehr bremsen.

Das Mantra „Mindestens über den Sommer 2019“ streift also langsam seine nebulöse Hülle ab. Marktteilnehmer rechnen nun bereits für den September 2019 mit ersten Schritten – einen Monat vor dem Ende der Amtszeit von Mario Draghi. Kein Abschiedsgeschenk also, sondern vielmehr ein Zeichen neuer Zeiten – in jeglicher Hinsicht.

Zahlen sagen mindestens so viel wie Worte

Aktuelle Zahlen sprechen ebenso für eine achtsame Zeiten- und Zinswende: Im August lag die Teuerungsrate im Euro-Raum bei 2,0 Prozent (von 2,1 Prozent im Juli und 1,5 Prozent im August 2017). Sollte sich das Inflationsziel von 2 Prozent nun also wirklich aus dem Erwartungshorizont heraus und hinein in eine realistische Sichtweite bewegen, wird die Europäische Zentralbank natürlich reagieren. Die Hebel für ein Anheben der Leitzinsen sind bereits in Stellung. Die EU-Wirtschaft wächst – wenn auch behutsam – um geschätzt 2 Prozent im Gesamtjahr 2018 und etwas schwächer dann in 2019 und 2020 (1,8 Prozent respektive 1,7 Prozent). Die Lohn- und Gehaltsentwicklung im Euro-Raum ist mit einem Plus von 1,7 Prozent im 1.Quartal 2018 und plus 2,2 Prozent im 2. Quartal des laufenden Jahres ebenso vorsichtig vielversprechend. Die Rate der an nicht-finanzielle Unternehmen im Euro-Raum vergebenen Kredite stieg im August um 4,2 Prozent. (Juli 2018: plus 4,0 Prozent) . Das jährliche Wachstum der M3-Geldmenge schließlich lag bei 3,5 Prozent und damit etwas unter dem Juli-Wert von 4,0 Prozent.

Deutsche Wirtschaftsinstitute sehen ebenso schnelleren Zinsschritt

Unabhängig von den Äußerungen des EZB-Präsidenten in Brüssel hatten bereits führende deutsche Wirtschaftsinstitute in ihrer Gemeinschaftsdiagnose 2/18 für die Bundesregierung die Zinsschritt-Etappen der EZB neu kartiert.

Bereits im Herbst 2019, so die Forscher, werde es für Banken wieder billiger, Geld über Nacht bei der EZB zu parken. Sie rechnen mit einer Anhebung des Einlagensatzes von aktuell -0,40 um 0,15 Prozentpunkte auf dann -0,25 Prozent. Ende 2019, so das Gutachten, werde die EZB mit dem Anheben des Hauptrefinanzierungssatz um 0,25 Punkte weitere achtsame Schritte heraus aus ihrer „unkonventionellen Geldpolitik“ vornehmen. Ein Jahr später würde dieser Pfad in genau diesen 0,25-Punkte-Schritten fortgesetzt, sodass Ende 2020 der Referenzzinssatz bei 0,75 Prozent liegen könnte.

Fazit:

Unabhängig davon, ob es nun im Herbst 2019 zu ersten Zinsschritten der EZB kommen wird oder nicht, das professionelle Rentenmanagement ist einer der Grundsockel unserer auf die Erzielung einer nachhaltig, absoluten Rendite und Werterhalt ausgerichteten Vermögensverwaltung. Auch in dann verändertem Zinsumfeld stecken Chancen. Sollten sich die Indizien eines steigenden Zinsumfelds in Europa bestätigen wird das Portfoliomanagementteam der Fürstlich Castell´schen Bank mit „wetterfesten“ Strategien vorbereitet sein.