Castell’scher Wochenausblick auf die Märkte

Die letzte Woche war voller Bewegungen an den Märkten. Insbesondere die Anleihemärkte in Europa aber nicht zuletzt in den USA. Investoren sind nach besser als erwarteten Konjunkturdaten in den USA zu dem Schluss gekommen, dass die Fed die Zinsen doch schneller erhöhen könnte. Das hat eine breite Marktreaktion hervorgerufen, die anhalten dürfte.

Anleihezinsen ziehen an

Investoren hatten sich ja schon fast daran gewöhnt, dass es keine Volatilität mehr an den Anleihemärkten gab. Diese Zeit ist nun wirklich vorbei: amerikanische 10-jährige Renditen haben den größten Sprung seit knapp zwei Jahren hingelegt, auf ein 7-Jahreshoch. Alles deutet darauf hin, dass die US-Wirtschaft ihren Höhenflug nicht so schnell stoppen wird und die Zinskurve antizipiert klar steigende Inflation. Da das alles nun aber sehr schnell und ruckartig ging, spricht viel dafür, dass die Zinsen volatil bleiben.

Schwellenländer und Aktienmärkte leiden

Steigende Finanzierungskosten – Renditen an den Anleihemärkten – sind Gift für die Aktienmärkte, denn diese schmälern die zukünftigen Gewinne der Firmen. Schwellenländer trifft es vor allem, weil Anleger ihr Geld abziehen und es in den Dollar-Raum repatriieren, um an den steigenden Zinsen zu partizipieren. Falls es nun wirklich eine Trendwende gibt, dann dürfte diese Bewegung anhalten.

Italien bleibt im Fokus

Volatilität ist ebenfalls zurück bei italienische Anleihen. Die Hoffnung, dass die Märkte italienische Regierung zur Vernunft bringen werden, ist gestorben und damit sind die Tore offen für weitere Schwankungen in den nächsten Wochen. Viele Investoren ziehen sich zurück und verstärken damit die Volatilität noch mehr. Die Budgetprojektionen sind noch nicht in Stein gemeisselt, denn der definitive Entwurf soll erst Mitte Oktober der EU-Kommission vorgestellt werden. Es bleibt also spannend auch in der kommenden Woche.

US-Aktienmärkte mit Rekorden – Europa hinkt enorm hinterher

Wer am Jahresbeginn 100 Euro in den Dow Jones investiert hätte, wäre heute um circa 9 Euro reicher. Die gleiche Investition in den EuroStoxx50 hätte zu einem Verlust von ungefähr 3 Euro geführt. Warum ist dem so, obgleich die Wirtschaft in Europa wächst und von Krise keine Spur ist. Und vielleicht noch wichtiger. Geht das so weiter? Die Impulse von Konjunktur und Politik sind nach allgemeinen Ermessen in den USA positiver.
Die Amerikaner profitieren, wie zuletzt unter Alan Greenspan, von einer recht lockeren Geldpolitik obgleich die Wirtschaft brummt. Der Fed-Chef Powell hat keine Eile die Zinsen schneller anzuheben.

IWF – Schaulaufen auf Bali ab Donnerstag

Dieses Jahr findet die alljährliche Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds auf der indonesischen Insel Bali statt. Das who-is-who der weltweiten Finanzelite wird ab Donnerstag anwesend sein. Die Märkte werden genau zuhören, was die anwesenden Notenbanker und Wirtschaftslenker zu den Themen Handel, Krise in den Schwellenländern und Geldpolitik zu sagen haben.

Börsengang von Knorr-Bremse in Deutschland

Nicht nur im fernen Bali gibt es allerdings interessantes zu beobachten. Der Münchner Fahrzeugzulieferer Knorr-Bremse geht am Freitag an die Börse. Es könnte einer der grössten Börsengänge dieses Jahres in Deutschland sein. Dieses Mal geht es interessanterweise nicht um das Filetieren eines bestehenden Unternehmens, wie bei Siemens Healthineers, sondern um eine Nachfolgeregelung. Wahrscheinlich wird Deutschland noch mehr solche Börsengänge sehen.

EZB-Leitzinsen: Aufwärts mit Achtsamkeit

Achtsamkeit, das ist sozusagen Slow-Food für die Psyche. Bei dieser Meditationsdisziplin konzentriert man sich ausschließlich darauf, sich im Hier und Jetzt aufzuhalten, ohne den Moment zu bewerten. Ob die Beobachter der Anhörung des EZB-Präsidenten Mario Draghi vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel auch ein Achtsamkeitstraining absolviert haben, wissen wir nicht. In jedem Fall aber haben sie den perfekten Moment erwischt, um aus den Worten des Obersten Währungshüters herauszuhören, dass die Zinswende nun doch früher zu erwarten ist. Und anders als es die Achtsamkeit vorschreibt, haben die Marktakteure diesen singulären monetären Moment natürlich bewertet.

Mario Draghi hatte einführend gesagt: „Measures of underlying inflation […] have been increasing […] as domestic price pressures are strengthening and broadening.“ Der Preisdruck nimmt schneller als erwartet zu und das von der EZB angepeilte „Basisszenario“ einer Inflation, die sich in Richtung der Zwei-Prozent-Marke bewegt und langfristig dort verharrt, könnte sich nun doch eher einstellen.

Gehörtes ist Gesagtes

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet beeilte sich einen Tag später, die minutiösen Interpretationen der Worte Draghis in Richtung einer jetzt doch schnelleren Zinserhöhung zu stoppen. Man halte weiterhin an der Zins-Nullrunde mindestens über den Sommer 2019 fest, auch weil der Effekt der jetzigen Lohnerhöhungen auf die Inflation erst einige Monate später messbar sei. Doch die einmal entfachten Spekulationen über die Andeutungen seines Chefs konnte er nicht mehr bremsen.

Das Mantra „Mindestens über den Sommer 2019“ streift also langsam seine nebulöse Hülle ab. Marktteilnehmer rechnen nun bereits für den September 2019 mit ersten Schritten – einen Monat vor dem Ende der Amtszeit von Mario Draghi. Kein Abschiedsgeschenk also, sondern vielmehr ein Zeichen neuer Zeiten – in jeglicher Hinsicht.

Zahlen sagen mindestens so viel wie Worte

Aktuelle Zahlen sprechen ebenso für eine achtsame Zeiten- und Zinswende: Im August lag die Teuerungsrate im Euro-Raum bei 2,0 Prozent (von 2,1 Prozent im Juli und 1,5 Prozent im August 2017). Sollte sich das Inflationsziel von 2 Prozent nun also wirklich aus dem Erwartungshorizont heraus und hinein in eine realistische Sichtweite bewegen, wird die Europäische Zentralbank natürlich reagieren. Die Hebel für ein Anheben der Leitzinsen sind bereits in Stellung. Die EU-Wirtschaft wächst – wenn auch behutsam – um geschätzt 2 Prozent im Gesamtjahr 2018 und etwas schwächer dann in 2019 und 2020 (1,8 Prozent respektive 1,7 Prozent). Die Lohn- und Gehaltsentwicklung im Euro-Raum ist mit einem Plus von 1,7 Prozent im 1.Quartal 2018 und plus 2,2 Prozent im 2. Quartal des laufenden Jahres ebenso vorsichtig vielversprechend. Die Rate der an nicht-finanzielle Unternehmen im Euro-Raum vergebenen Kredite stieg im August um 4,2 Prozent. (Juli 2018: plus 4,0 Prozent) . Das jährliche Wachstum der M3-Geldmenge schließlich lag bei 3,5 Prozent und damit etwas unter dem Juli-Wert von 4,0 Prozent.

Deutsche Wirtschaftsinstitute sehen ebenso schnelleren Zinsschritt

Unabhängig von den Äußerungen des EZB-Präsidenten in Brüssel hatten bereits führende deutsche Wirtschaftsinstitute in ihrer Gemeinschaftsdiagnose 2/18 für die Bundesregierung die Zinsschritt-Etappen der EZB neu kartiert.

Bereits im Herbst 2019, so die Forscher, werde es für Banken wieder billiger, Geld über Nacht bei der EZB zu parken. Sie rechnen mit einer Anhebung des Einlagensatzes von aktuell -0,40 um 0,15 Prozentpunkte auf dann -0,25 Prozent. Ende 2019, so das Gutachten, werde die EZB mit dem Anheben des Hauptrefinanzierungssatz um 0,25 Punkte weitere achtsame Schritte heraus aus ihrer „unkonventionellen Geldpolitik“ vornehmen. Ein Jahr später würde dieser Pfad in genau diesen 0,25-Punkte-Schritten fortgesetzt, sodass Ende 2020 der Referenzzinssatz bei 0,75 Prozent liegen könnte.

Fazit:

Unabhängig davon, ob es nun im Herbst 2019 zu ersten Zinsschritten der EZB kommen wird oder nicht, das professionelle Rentenmanagement ist einer der Grundsockel unserer auf die Erzielung einer nachhaltig, absoluten Rendite und Werterhalt ausgerichteten Vermögensverwaltung. Auch in dann verändertem Zinsumfeld stecken Chancen. Sollten sich die Indizien eines steigenden Zinsumfelds in Europa bestätigen wird das Portfoliomanagementteam der Fürstlich Castell´schen Bank mit „wetterfesten“ Strategien vorbereitet sein.

Schwellenländer in der Krise

Nach den schlechten Nachrichten aus der Türkei, die langsam auf Kapitalverkehrskontrollen zuläuft, häufen sich die negativen Schlagzeilen auch aus anderen Teilen der Welt. Wir fühlen uns dabei an die Vorgänge der letzten Schwellenländerkrisen erinnert, seien es die Peso-Krise Mexikos Mitte der 1990er Jahre oder die Zahlungsausfälle von Thailand und Russland am Ende derselben Dekade. Stehen wir vor ähnlich tiefen Einschnitten wie damals?

Wenn man über mögliche Krisenherde und Krisenauslöser, auch auf globaler Ebene nachdenkt, rücken seit einiger Zeit die Schwellenländer ins Blickfeld. Begonnen hat diese neue Entwicklung mit Venezuela, wo eine verfehlte, sozialistische, autoritäre Politik aus einem der ölreichsten Länder der Welt ein Armenhaus machte. Weiter ging es mit der Türkei und einer ebenfalls verfehlten, nationalistischen, autoritären Politik, die aus Ignoranz darüber, was Ursache und Wirkung bei Währungs-, Geldpolitik und Inflation betrifft, das Land an die Wand fährt. Inzwischen meldete sich dann fast etwas überraschend Argentinien beim internationalen Währungsfonds und fragte nach Mittel, um einen neuerlichen Zusammenbruch und Zahlungsausfall vielleicht gerade noch vermeiden zu können. Angesichts dieser Krisenherde in den Nachbarländern kommt nun auch Brasilien unter Druck, das sich gerade langsam von der tiefsten und längsten Rezession seiner Geschichte erholt und insgesamt noch auf schwachen Füßen steht. Dort stehen Wahlen vor der Tür, die gleichfalls einen Aufstieg der Populisten zeitigen könnten, wie wir es in Europa gerade in Schweden erlebt haben. Der Brand des Nationalmuseums und die damit einhergehende totale Vernichtung eines Großteils des kulturhistorischen Erbes könnte für die Zukunft des Landes zu einem bösen Omen werden. Für die nächste negative Überraschung sorgte Südafrika, das mit dem zweiten Quartal negativen Wachstums in Folge technisch in eine Rezession gerutscht ist. Die Abfolge – Venezuela, Türkei, Argentinien, Südafrika – lässt uns unwillkürlich an Dominosteine denken, die einer nach dem anderen umfallen. Die logische Frage lautet also: Wer könnte der Nächste sein und was könnte die Kette unterbrechen?

Damit wenden wir uns der Frage zu, was Schwellenländer verwundbar macht. Neben verfehlter Politik, wie im Falle von Venezuela und der Türkei, sind generell schwache wirtschaftliche Positionierungen und hohe Abhängigkeiten vom Ausland als Krisenursachen identifizierbar. Hierzu gehören vor allem auch die Verschuldung im Ausland in fremder Währung, ein Leistungsbilanzdefizit, starke, negative Veränderungen im Handel oder das Fehlen einer freien Währung. Die Verschuldung in fremder Währung war ein Hauptproblem bei der Krise 1998 und brachte damals auch Thailand zu Fall. Damals hatten die Schwellenländer – ohne China – Dollar-Schulden in Höhe von 14 % ihres Bruttoinlandprodukts. Bis 2012 sank diese Fremdwährungsverschuldung dann auf ein gesunderes Maß von unter 10 %. Die Lehren aus 1998 wurden in der Folge aber leider wieder ignoriert und die Dollar-Schulden betragen mittlerweile sogar knapp 16 % des Bruttoinlandprodukts dieser Länder. Fremdwährungsschulden sind deshalb so gefährlich, weil eine Krise normalerweise mit einer Währungsabwertung einhergeht. Für den Schuldner bedeutet dies, dass er höhere Beträge in der eigenen Währung aufwenden muss, um die Zinsen zu bedienen. Diese Situation setzt dann einen Teufelskreis aus nachlassender Wirtschaftsleistung, Währungsabwertung und höherem Schuldendienst in Gange, der ohne äußere Hilfe, wie z.B. vom Internationalen Währungsfonds, häufig zum Zahlungsausfall führt. Dies gilt auch für die Türkei, die sich allerdings aufgrund der Auseinandersetzung mit den USA, die der Hauptgeldgeber des IWF sind, andere Geldgeber suchen muss. Wahrscheinlich ist das der Grund für den plötzlichen Schmusekurs von Präsident Erdogan gegenüber Deutschland.

Diesen Anstieg der Verschuldung nahmen wir in unseren Vermögensverwaltungen zum Anlass, Schwellenländer generell unterzugewichten und bei Schwellenländeraktien im November 2017 auf einen eher defensiven Anlagestil zu setzen.

Negative Leistungsbilanzen bedeuten, dass ein Land mehr Güter, Investitionen und Dienstleistungen importiert als exportiert. Ist das Leistungsbilanzdefizit zu hoch, stellt sich für den ausländischen Lieferanten die Frage, wie das Land die Ware bezahlen kann. Tut es dies in eigener Währung, müssen Wirtschaft und Währung genügend stabil sein. Ist sie das nicht, wird der Handelspartner bzw. der Investor sein Vertrauen verlieren und sein Kapital abziehen oder keine Geschäfte in lokaler Währung sondern nur noch in Hartwährung machen. Wenn wir also nach Ländern suchen, die sowohl eine hohe Verschuldung in harter Fremdwährung als auch ein hohes Leistungsbilanzdefizit haben, werden wir schnell fündig: Türkei, Argentinien und Südafrika zeigen da wie erwartet Schwäche. Weitere akut gefährdete Länder sind Kolumbien und Indonesien, gefolgt von anfälligen Ländern wie Mexiko, Chile oder Brasilien. Nicht umsonst einigte sich Mexiko schnell nach der Wahl mit den USA, indem es im Wesentlichen deren Forderungen (wonach?) akzeptierte.

Nachdem wir Anfang des Monats einen weiteren kräftigen Verfall der indonesischen Rupie beobachten konnten also damit den nächsten Dominostein wanken sahen und zudem weiter fallende Gewinnerwartungen zu Kenntnis nehmen mussten, haben wir unsere gesamten Investments in Schwellenländer sowohl auf der Anleiheseite als auch bei den Aktien vollständig abgebaut. Wir sehen noch weitere 10-20 % Verlustpotential für Schwellenländeraktien, weil neben der gewachsenen Anfälligkeit sowie dem Taumeln und Sturz der ersten Dominosteine mit dem Handelskrieg der USA gegen China auch die Voraussetzungen für einen Schock auf der Handelsseite gegeben sind.

Anders als 1997/98 haben die Schwellenländer aber eine höhere Bedeutung für das Weltwirtschaftswachstum und damit auch für die Kapitalmärkte. So ist es auch nicht verwunderlich, dass wir Europa aufgrund der bereits im letzten Monatsbericht erwähnten hohen Abhängigkeit europäischer Unternehmen von Nicht-Eurozonen-Profiten innerhalb der Aktien untergewichten. Ein großes Land, das am stärksten einer relativ abgeschlossenen Volkswirtschaft entspricht und dessen Unternehmen vergleichsweise unempfindlich sind, haben wir mittlerweile bei den Aktien kräftig übergewichtet: die USA.

Damit die Märkte wieder in Tritt kommen können, werden Fortschritte beim Handelskrieg zwischen den USA und China nötig sein. Wann und ob das geschieht, ist schwer vorhersehbar. Auch eine weniger auf Zinserhöhung setzende und damit akkomodierende US-Notenbank könnte die Finanzbedingungen länger günstig halten und damit die Schwellenländer entlasten.

Mit unserem gut austarierten Portfolio sehen wir uns für die nächsten Wochen gut aufgestellt und halten es derzeit noch für zu früh, Aktien stark zu reduzieren. Wenn es anders kommt als wir in unserem Kernszenario erwarten, werden wir aber einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unserem Ansatz unsere Risikobudgets verteidigen und in „sichere Häfen“ umschichten.

Exit vom Brexit oder: Was nicht sein darf, das nicht sein kann.

»Take back control« – das war der Slogan der »Leave«-Kampagne vor nunmehr als zwei Jahren. Inzwischen sind alle prominenten Brexit-Vertreter wie Nigel Farage und Boris Johnson von der Bildfläche verschwunden, und das Land hat bis dato keinen nennenswerten Verhandlungsfortschritt mit der EU gemacht. Von Kontrolle kann keine Rede sein, eher von einer großen politischen Blamage.

Was ist seither passiert? Der politische Initiator der Brexit-Abstimmung David Cameron hoffte, seine pro-europäische Position in der eigenen Partei durch ein überwältigendes Votum der Bürger für die EU zu stärken. Diese Wette ging nicht auf. Knapp 52 % der Wähler stimmten für den Brexit, Cameron musste abtreten, und eine neue Regierung unter Leitung von Theresa May in Verhandlungen mit der EU eintreten.

Nun, knapp acht Monate vor dem Austrittsdatum am 29. März 2019 stecken die Verhandlungen fest und es wird immer deutlicher, dass der von der  Leave«-Kampagne versprochene Deal niemals zustande kommen wird; viel mehr ein ungeordneter Brexit oder »No Deal« mit der EU das Land in chaotische Zustände stürzen könnte. Momentan sieht es so aus, als würden nur zwei Szenarien möglich sein: ein harter Crash mit ungeahnten Folgen – auch für die Unsicherheit nicht goutierenden Kapitalmärkte – oder der Exit vom Brexit.

Bereits im vergangenen Jahr haben wir die zweite Variante für möglich gehalten. Heute sehen wir ihre Wahrscheinlichkeit deutlich höher als 50 %. Warum?

Sympathien für den Verbleib

Die Stimmung in der Bevölkerung dreht laut jüngster Meinungsumfragen stetig mehr in Richtung Verbleib in der EU. Eine relative Mehrheit ist schon jetzt dafür und diese Zahl wird wohl noch anwachsen, je chaotischer die Zustände werden und je näher das Austrittsdatum kommt.

Den Wählern wurde vor mehr als zwei Jahren das sprichwörtlich »Blaue vom Himmel« versprochen. Es ging um riesige Ersparnisse: Die wöchentlichen 350 Millionen Pfund an Brüssel sollten der notorisch schlecht finanzierten Gesundheitsbehörde NHS zukommen. Ein weiteres zentrales Versprechen war es, die Immigration von Ausländern stark zu beschränken. Das finale rote Tuch für viele konservative Briten war das Drohszenario des baldigen EU-Beitritts der Türkei. Zwei Jahre später ist klar, dass keines dieser Argumente haltbar ist. Vor allem einkommensschwächere Schichten mit geringer Ausbildung und geringen Aufstiegschancen haben aufgrund dieser Versprechungen und der Angstkampagne für den Ausstieg aus der EU gestimmt. Nicht nur könnte ein harter Ausstieg ohne einen Deal die Lebenssituation genau dieser Bevölkerungsschichten noch verschlechtern, der Brexit macht aus politischen, wirtschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen Aspekten keinen Sinn.

Der Brexit macht politisch keinen Sinn, weil Großbritannien auf der internationalen Bühne nahezu zur Randfigur würde, und die EU (ohne GB) weniger stark auftreten könnte. Nur ein geeintes, starkes Europa wird mit den großen Mächten, wie den USA, Indien, China, aber auch Russland die Chance haben, geopolitische Weichenstellungen entscheidend zu beeinflussen. Im Handelskonflikt mit den USA zeigt sich aktuell exemplarisch dieser Einfluss eines geschlossenen Vorgehens der EU. Großbritannien allein könnte ein solches Verhandlungsgewicht niemals erreichen.

Der Brexit macht wirtschaftlich keinen Sinn, weil zusätzliche Transaktionskosten wie Zölle und Umzugsüberlegungen von Unternehmen Kosten verursachen, denen kein ökonomischer Wert gegenübersteht. Freier Handel von Gütern und Dienstleistungen ist für die globale Wirtschaft essentiell. Eine Abkehr davon, schon allein die Androhung, ist schädlich für Investitionen und Arbeitsplätze. Das hat man spätestens seit der Androhung eines Handelskriegs durch US-Präsident Donald Trump gelernt. Hier tut die EU nun das Möglichste, dies zu verhindern.

Auch der britischen Premierministerin Theresa May ist klar, dass ihr Land ohne Handelsabkommen wirtschaftlich schlechter dastehen wird als zuvor. In ihrem jüngst vorgelegten Weißbuch schlägt sie eine Freihandelszone mit der EU vor. Diesem »cherry picking« wird die EU nicht zustimmen können. Denn so entstünde auch für andere EU-Mitgliedstaaten ein Anreiz, sich das »Beste« herauszusuchen. Die Stabilität der EU setzt jedoch eine nachhaltige Anerkennung der umfassenden Vertragswerke durch alle Mitgliedsstaaten voraus.

Auch gesellschaftlich macht der Brexit keinen Sinn. Europa ist mehr als eine Wirtschaftszone, Europa ist auch ein Garant für Frieden auf dem Kontinent, denn durch die gesellschaftliche Annäherung der Bevölkerung ist ein erneuter Krieg unvorstellbar geworden. Für die jüngere, mobile, gut ausgebildete Generation ist Europa selbstverständlich, und sie würde eine Abkehr von der europäischen Idee hin zur »Kleinstaaterei« nicht unterstützen. Dieser Teil der Gesellschaft hat auch in Großbritannien nicht für den Brexit gestimmt, ebenso nicht die liberale Mittelschicht.

Wie auch in den USA bei der Wahl Donald Trumps, waren es vor allem die vermeintlichen Verlierer der Globalisierung mit geringer Bildung und die Älteren, die das Zünglein an der Waage waren, wie auch die Reichen auf dem Land, die traditionell gegen Brüssel sind. Das Stadt-Land-Gefälle und das Bildungs- und Generationsgefälle in den Abstimmungsdaten von Juni 2016 legen diese Lesart nahe.

Die Ironie der Geschichte ist allerdings, dass ein Austritt Großbritanniens wohl kein probates Mittel ist, die immer weiter auseinander klaffende Gerechtigkeitslücke zu verringern. Im Grundsatz geht es hierbei um eine Frage der Weltanschauung: Renationalisierung und Abschottung sind nicht nur sicherheitspolitisch und gesellschaftlich bedenklich, sondern bergen auch die Gefahr wirtschaftlicher Einbußen. Großbritannien, die Nation, die durch Handel groß geworden ist, sollte sich an diesen Teil ihrer Geschichte erinnern.

Knapp acht Monate vor dem offiziellen Ausscheiden Großbritanniens aus der EU ist allerdings eine Einigung in weiter Ferne. Bis Oktober 2018 muss die Brexit-Vereinbarung unter Dach und Fach sein, damit am 29. März um Mitternacht der Austritt Großbritanniens über die Bühne gehen kann. Gelingt dies nicht, droht wirtschaftliches Chaos. Statt wie bisher durch das Binnenmarkt-Reglement würden die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und den EU-27 künftig durch die WTO-Regeln bestimmt werden. Das will vor allem die britische Industrie verhindern.

Vor diesem Hintergrund könnte eine erneute Brexit-Abstimmung einen »Exit vom Brexit« ermöglichen. Theresa May stemmt sich zwar mit all ihrem politischen Gewicht gegen ein neues Referendum, doch falls die Briten angesichts der Risiken eines harten Crashs aus der EU in Panik geraten, könnte daran kein Weg vorbei gehen. Nach einer Ende Juli veröffentlichten Umfrage will eine relative Mehrheit eine erneute Abstimmung über die Bedingungen des Brexit. Und eine relative Mehrheit von 45 % würde sich derzeit gegen den Brexit aussprechen.

Die Wirtschaft und allen voran die in London ansässige Finanzindustrie hat allerdings schon reagiert, denn kein Vorstand will von einem möglichen Crash überrascht werden. Viele Firmen haben ihre Entscheidungen schon getroffen und Arbeitsplätze in anderen Finanzmetropolen wie Frankfurt, Dublin oder Paris geschaffen. Diese Entwicklung wird zumindest in der kurzen oder mittleren Frist irreversibel sein. Allerdings steht doch wohl mehr auf dem Spiel als die Verschiebung von einigen Bankarbeitsplätzen zwischen den europäischen Finanzzentren.

Frischer Wind tut not

Die letzten zwei Jahre haben allerdings auch eins gezeigt: Der politischen Elite in Großbritannien würde neuer Wind sehr gut tun. Am Beispiel Macrons kann man sehen, dass man auch mit pro-europäischen Ansichten Wahlen gewinnen kann. Was es braucht ist eine Vision, die fehlt momentan in Großbritannien. Dem Beispiel Adenauers und de Gaulle folgend, hätte ein starker europabefürwortender Politiker die Chance, diese Mehrheit hinter sich zu versammeln und könnte dafür Sorge tragen, dass nicht sein wird, was nicht sein kann.

„Guerilla Gardening“ des Belpaese?

Bereits in den 1970er Jahren gab es in den Metropolen der westlichen Welt eine sogenannte Naturgartenbewegung mit der Intention „Wildes Grün der Städte“. Der Begriff des „Guerilla Gardening“ hatte dort seinen Ursprung, fand jedoch verstärkte Aufmerksamkeit im Jahre 2000 als sich Umweltaktivisten, Globalisierungsgegner und Anarchisten mit Gärtengeräten und Pflanzensetzlingen daran machten, eine Rasenfläche am Parliament Square in London umzugraben und neu zu bepflanzen unter der Bekundung „die Straße zurückzuerobern.“ Zugegeben mag diese aktivistische Form des Gärtnerns auf den ersten Blick vielleicht übertrieben erscheinen, jedoch der Grundgedanke hässliche und karge Flächen wie Industriebrachen mit Saatbomben zu begrünen, wohl eher nachvollziehbar. Vielleicht die richtige Strategie, um im „schönen Land“ Italien das wirtschaftliche Panorama wieder positiv zu verändern?

Für viele Italiener ist Matteo Salvini der Retter Roms. Für andere steht der Innenminister und Vize-Regierungschef für einen drückendenden Sollsaldo. Daher erscheint es mehr als überfällig, dass die amtierende Regierung aus Lega und 5-Sterne-Bewegung endlich in die Gänge kommt und den so dringend notwendigen Schuldenabbau anstößt. Zudem erwarten die Märkte vielmehr konkrete Sparmaßnahmen als Sprachtiraden Salvinis. Schließlich verschandelt schon seit längerer Zeit ein etwa 130 Prozent des BiPs messender und 2,3 Billionen Euro breiter Schuldenberg den wirtschaftspolitischen Ausblick Italiens.

Das bestehende Defizit entgeht auch nicht den Argusaugen der Investoren. Seitens Rom ist daher akute Landschaftspflege dringend erforderlich, um die Sicht auf perspektivisch blühende Landschaften zu lenken. Matteo Salvini und sein Koalitionspartner Luigi di Maio sind zuversichtlich. Laut Haushaltsentwurf für 2019, der bis Ende September vorliegen soll, wird sich Italien, wenn auch knapp, an die Maastrichter Defizitgrenze von maximal 3 Prozent Neuverschuldung halten. Dank dieses pittoresken Ausblicks gewährten die Anleger Italien einen wohl dosierten Vertrauensvorschuss: Die Rendite zehnjähriger Italienischer Anleihen sank knapp unter drei Prozent.

In einem Radiointerview allerdings trennte Salvini dann die sprachliche Spreu vom Weizen. Natürlich werde die Regierung am schrittweisen Abbau des Defizits und der Schulden festhalten, andererseits werde das Einhalten der Maastricht-Regeln den Bedürfnissen der Italiener untergeordnet. Diese Forderungen der italienienischen Bevölkerung sind identisch mit den Wahlversprechen von Lega und Fünf-Sterne-Bewegung, also u.a. Grundeinkommen und Flat Tax. Jedoch bedeutet dies höhere Ausgaben und wirft folglich die Frage auf: Womit sollen diese finanziert werden, bei gleichzeitigem Sparkurs? Darauf blieb Italiens Innenminister bisher eine Antwort schuldig. Die Bevölkerung indes belohnte Salvini dafür mit einem vorzeitigen „100-Tage-im-Amt“-Geschenk: Mit 32,2 Prozent der Stimmen liegt die Lega in aktuellen Umfragen mittlerweile klar vor ihrem Regierungspartner Fünf-Sterne-Bewegung (28,3 Prozent). Auch Salvinis persönliche Beliebtheitswerte sind stark gestiegen.

„Gardening“ als Allroundmittel

Der Fokus des Sparens gilt übrigens auch für die Zinsen, die Rom an seine Anleihegläubiger zahlen muss. Dieses Jahr werden davon knapp 78 Milliarden Euro fällig. Sinkt das Vertrauen in Salvinis Willen, sich an den europäischen Stabilitätspakt zu halten, könnte eine erneute Flucht der Anleger aus den Anleihen folgen. Dieses Szenario bestand zuletzt im Juni dieses Jahres als italienische Staatsanleihen im Wert von 38 Milliarden Euro verkauft wurden und in Folge dessen die Zinsen auf über 3 Prozent stiegen. Ziehen in diesem Zuge die Risikoaufschläge für italienische Titel erneut schnell und womöglich langfristig an, fällt letztlich auch die finanzielle Belastung für den italienischen Haushalt höher aus. Somit würden zudem die italienischen Banken als die größten Gläubiger des Landes in Mitleidenschaft gezogen werden. Branchenriesen wie Intesa Sanpaolo und UniCredit verfügen über Titel im Wert von 81,4 Milliarden Euro respektive 54 Milliarden Euro. Außerdem haben die Finanzinstitute mit notleidenden Krediten von etwas mehr als 186 Milliarden Euro ihren eigenen Schuldenberg zu stemmen. Stetig teurer werdende Kreditausfallversicherungen für italienische Staatsanleihen und das – seitens des Wirtschafts-und Finanzministers Giovanni Tria – prognostizierte 1,2 Prozent schwache Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr (zwischen 1,0 und 1,1 Prozent für 2019) engen den Spielraum für Rom ebenso ein wie die Tatsache, dass den italienischen Anleihen mit Auslaufen des EZB-Aufkaufprogramms Ende 2018 der sichere Hafen fehlen wird.

Umso mehr bemühte sich jüngst der parteilose Giovanni Tria um etwas mehr Zuversicht in Italiens Wirtschaftspläne, indem er betont, dass er bei der Neuverschuldung unter zwei Prozent bleiben wolle. Dabei spürte er sicherlich die Argusaugen der Ratingagenturen: Fitch nahm die Zweifel am Defizitbewusstsein Roms bereits vorweg und stufte den Ausblick auf Italiens „BBB“- Bonität von “stabil” auf “negativ” herab. Der nächste Schritt könnte ein Downgrade sein. Gleichzeitig drohte bereits Moody’s an, das weitere Bestehen des Baa2-Ratings mit negativem Ausblick davon abhängig zu machen, wie schlüssig die Budgetpläne sind, die Giovanni Tria am 15. Oktober in Brüssel vorlegen muss.

Besänftigung der Götter des Spreads

Matteo Salvini bleibt indes zuversichtlich und lenkt den Blick der Investoren lieber ins Nebulöse-Religiöse. Als er in einem Interview mit der Deutschen Welle am Rande einer Parteiveranstaltung gefragt wurde, wie er es sich erklären könne, dass sich der Spread für italienische Staatsanleihen verdoppelt hat, seit die Lega und die Fünf-Sterne-Bewegung amtierende Regierung sind, verwies er auf die Unabhängigkeit Italiens von großen Investoren und der Macht der Banken. Die Wirtschaft und die italienischen Unternehmen seien gesund und die von seiner Regierung angestrebten Reformen würden alle Fragen beantworten – vor allem jene der sogenannten Märkte und auch die der Götter des Spreads. Bleibt zu hoffen, dass Salvini Italien nicht auf dem Altar der Wahlversprechen opfert und der Haushaltsentwurf für 2019 den Investoren endlich wieder die wirtschaftlichen Sonnenseiten des Belpaese zeigt.

Diesen aktuellen Entwicklungen stehen wir mit unserer Vermögensverwaltung, bis die finalen Budgetpläne auf dem Tisch liegen, mit einer skeptischen und abwartenden Haltung gegenüber. In den letzten Tagen haben wir den positiven Verlauf italienischer Staatsanleihen beobachtet. Allerdings schließen wir eine weitere Ausweitung des Spreads in den nächsten Wochen nicht aus. Unsere Grundstimmung zum „schönen Land“ bleibt weiterhin positiv, wenn der richtige Pfad des „Gardening“ (Sparkurs), falls notwendig auch des „Guerilla Gardening“, des Belpaese erfolgt.

Hoher Seegang für die Türkei oder K(l)eine Lichtblicke für die Lira am Horizont?

Die türkische Wirtschaft schwimmt, die Lira droht unterzugehen, die Liquidität des Landes wird trockengelegt. Angesichts all dieser „See-narien“ wundert es nicht, wenn sowohl Präsident Recep Tayyip Erdogan wie auch Außenminister Mevlüt Cavusoglu nun in Richtung EU zurückrudern. Denn die Angst vor einer wirtschaftlichen Havarie nimmt konkrete Gestalt an. Doch Macron und Merkel ließen beide bisher abblitzen. Finanzhilfen aus Deutschland? Aktuell kein Thema! Zollunion und Einführung der Visumfreiheit? Nicht ohne Reformen! Mit Österreich an der Spitze der EU-Ratspräsidentschaft hat die Türkei zudem einen schweren Stand, um Verhandlungen über einen EU-Beitritt in Bewegung zu setzen.

Derweil brechen schrittweise die Dämme. In einer aktuellen Studie berichten Analysten von JP Morgan, dass die Türkei bis Mitte 2019 etwa 153 Milliarden Euro an Auslandsschulden tilgen muss. Das entspricht ihren Schätzungen zufolge einem Viertel des türkischen BIP. Der Löwenanteil dieser Auslandsschulden entfalle vor allem auf Banken. Zudem müssen bereits Ende dieses Jahres rund 27 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten getilgt werden. Parallel dazu senkte die Ratingagentur Moody’s ihren Daumen über insgesamt 18 türkische Banken. Vom Downgrade betroffen sind die IsBank und die Denizbank – zwei der größten und wichtigsten Institute des Landes. Beide mussten gar zwei Rating-Etagen abwärts gehen. Die türkische Lira sinkt nunmehr in stetig tiefere Gewässer. Seit Jahresbeginn gab sie um über 40 Prozent und alleine seit Beginn des Streits mit den USA im August um fast 24 Prozent nach.

Türkische Zentralbank greift in die Trickkiste

Die türkische Zentralbank versucht indes mit einem geschickten Täuschungsmanöver den Anschein zu erwecken, dass sie die Geldschleusen nun wieder schließen könne. Hatte sie am 13. August noch in einer quasi „Draghischen“ Rhetorik angekündigt, die türkischen Banken mit aller von ihnen benötigten Liquidität zu versorgen und damit versucht, die Märkte zu beruhigen, teilte sie nun in einer Pressemitteilung mit, dass sie wieder Kreditlimits für den Interbanken-Geldmarkt einführt. Diese Grenze liegt nun bei 44 Milliarden Lira (ungefähr 5,9 Milliarden Euro). Bis Mittwoch lag das Limit noch bei 22 Milliarden Lira. Diese de-facto Verdopplung, die aber als die Wiedereinführung einer Grenze verkauft wird, sendet verwirrende Signale an die Märkte. Dort nämlich wollte man eher etwas hören, das mit „Zins“ beginnt und mit „Erhöhung“ endet. Eine Art „Zinserhöhung light“, bei der die Zentralbank den Kreditinstituten nur noch Liquidität über den teureren Zins für Übernachttransaktionen gewährt, enttarnte jeder als Seemannsgarn.

Die Banken sehen sich damit einer verkappten Geldverknappung gegenüber. Entsprechend hoch sind daher die Erwartungen an die Sitzung der türkischen Zentralbank am 13.September. Doch sollten auch nach diesem Treffen keine klaren Signale zu sehen sein – vor allem mit Hinblick auf die Frage, wer nun wirklich das Währungssteuer in der Hand hält – wird das Vertrauen in die türkische Wirtschaft und Währung weiter sinken. Gleichzeitig aber steigt ob der hohen Auslandsschulden der Bedarf an Liquidität. Viele Banken haben an Bonität verloren und wurden – wie die Türkei selbst –durch alle drei großen Ratingagenturen noch tiefer auf sogenanntem Ramsch-Niveau eingestuft. Daher wird der Zugang zu frischem Kapital bedeutend teurer.

Machtwort für den Markt

Es bedarf eines Machtwortes von richtiger Stelle, um den Exodus der Anleger aus der Türkei sowie die Verbannung der Lira aus den Depots kurzfristig zu verlangsamen und mittelfristig gar zu stoppen. Jedoch langfristig sind tiefgreifende wirtschaftliche Reformen, eine Anhebung des Leitzinses, weniger Autokratie und im Gegenzug mehr Meinungsfreiheit sowie Demokratie unausweichlich gefordert. Dies würde Investoren davon überzeugen, dass die türkische Wirtschaft wieder an Fahrt aufnehmen kann. Alptraum-Szenarien wie ausfallende Kredite, Bankenrettung durch den Staat (und damit einhergehend dessen höhere Verschuldung), Rezession und Insolvenzen von hoch in Euro- und US-Dollar verschuldeten Unternehmen, werden Investoren hingegen weiträumig umschiffen.

Stehen somit alle Zeichen auf hohem Seegang für das Land am Bosporus? Ein kleiner Lichtblick am Horizont ist zu sehen. Nach ersten Informationen zur Folge verringerte sich das Außenhandelsdefizit im Juli auf aktuell rund 6 Milliarden US-Dollar, zum Vergleich im Juli 2017 betrug es noch 8,8 Milliarden US-Dollar. In diesem Zuge Exporte stiegen im Jahresvergleich um 11,6 Prozent, während die Importe um 6,7 Prozent fielen. Betrachtet man indes die Entwicklung des Außenhandelsminus von Januar bis Juli dieses Jahres, so bleibt es nur ein kleiner Lichtblick, denn dieses lag bei insgesamt fast 47 Milliarden US-Dollar und damit deutlich höher als im Vorjahreszeitraum mit weniger als 40 Milliarden US-Dollar.

Daher bleibt die See weiterhin stürmisch und zwingt zum Abwarten, was die Treffen der deutschen und türkischen Finanz- und Wirtschaftsminister im Vorfeld des Besuchs von Präsident Erdogan bei Bundeskanzlerin Merkel wie auch das Zusammentreffen der beiden Regierungschefs Ende September selbst an Ergebnissen bringen werden. Am Ende, so die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer, liegt Deutschlands Interesse in einer stabilen, prosperierenden und demokratischen Türkei. Und wirtschaftliche Beziehungen tragen dazu bei, gemeinsamen Kurs auf dieses Interesse zu halten.

In unserer Vermögensverwaltung bleibt der Kurs für die nächsten Wochen weiter gesetzt: Wir glauben an die Chancen der Aktien, verlieren aber die großen Probleme der Welt nicht aus den Augen und halten an unseren Gegengewichten fest. Wenn unser Risikoszenario eintritt, werden wir einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unseres Ansatzes Gewinne sichern und unsere Risikobudgets verteidigen und falls nötig in »sichere Häfen« umschichten.

FEDe Beute oder abwarten und Tee trinken?

Langsam sinken die Temperaturen nach den vergangenen heißen Hundstagen und wir gönnen uns gerne mal wieder eine gute Tasse Tee. Vielleicht auch die richtige Strategie für die Kapitalmarktteilnehmer nach der letzten Sitzung der FED?

Nach Veröffentlichung des letzten FED-Sitzungsprotokolls am Mittwochabend wandten sich die seherischen Fähigkeiten der Marktakteure weg von der Glaskugel und hin zur Frage, was sie und damit praktisch die ganze Finanzwelt jetzt erwarten könnten. Das aktuelle minutes der FED lässt im Prinzip nur eine Lesart zu, das interessante sind dabei vielmehr die Betonungen:

• die aktuell gültige Zinsspanne von 1,75 bis 2,0 Prozent bleibt vorerst bestehen
• die (bereinigte) Inflationsrate von 2,0 Prozent als Zielmarke der US-Notenbank und auch
die Vollbeschäftigung scheinen mittelfristig immer noch erreichbar, die Inflationsrate
eventuell sogar bis Ende des Jahres
• die Zeichen stehen weiterhin auf akkommodierend, was bedeutet, dass die FED imstande
ist, ihre Geldpolitik jeder Entwicklung nach oben oder unten anzupassen
• weitere Zinsschritte sollen im Einklang mit der Entwicklung wichtiger Kennzahlen –
also Arbeitslosenquote (Juni: 4,0 Prozent), Konjunktur und Inflation – vorgenommen werden

So weit, so erwartet und so gut für den Dollar, der sich gegenüber anderen Währungen behauptete und damit die Zuversicht der Anleger widerspiegelte, dass die FED entschlossen ist, ihren eingeschlagenen Pfad weiter zu beschreiten, wenn auch bei offener Schrittgrößenordnung.

Handelskonflikte mit Argusaugen betrachtet

Einige Textpassagen aus dem FED-Sitzungsprotokoll sorgten jedoch dafür, dass mancher Marktbeobachter diese mit seinem Textmarker unterstrich: Escalating trade tensions between China and the United States prompted notable market moves, particularly in foreign exchange markets.

Die mittlerweile multilateralen Handelskonflikte, bei denen sich die USA mit China, der EU, Russland und der Türkei wechselseitig mit immer höheren Strafzöllen auf immer mehr Produkte überziehen, bereiten nicht nur der US-Notenbank Sorgen. Donald Trumps Ärger darüber, dass der von ihm ins Amt gehobene US-Notenbankchef Jerome Powell tatsächlich nicht der „cheap-money Fed chairman“ sei, den sich der US-Präsident gewünscht hatte, sendet verstärkende Signale aus. Denn der Versuch der Einflussnahme auf die unabhängige amerikanische Zentralbank könnte Unsicherheiten darüber aufkommen lassen, wie sich Donald Trump verhalten wird, wenn Powell im September den nächsten Zinsschritt verkündet und dem mächtigsten Mann der Welt trotzt. Die FED wiederum würde wieder einmal mehr ein starkes Signal als unabhängige Zentralbank ausstrahlen und damit einhergehende Zuversicht für die Märkte.

In diesem Kontext interessant sind die Ergebnisse einer aktuellen Reuters-Umfrage unter Ökonomen zu den zukünftigen Entwicklungen in den USA. Diese sagen ein Wachstum des US-BIP im dritten Quartal 2018 von 3,0 Prozent und in Q4 von nur noch 2,7 Prozent voraus. Zum Vergleich erreichte das abgelaufene Quartal ein Wachstumsplus von 4,1 Prozent.

Was das Timing der FED-Zinserhöhungen angeht, sind sich die Ökonomen einig: Sowohl dieses Jahr wie auch 2019 wird die US-Notenbank zwei weitere Zinsschritte ankündigen. Ob sie diese auch tun wird, um im Falle einer Rezession einen ausreichend großen Spielraum für dann etwaige wieder notwendige Zinssenkungen zu haben, bleibt nicht nur bei der Reuters-Umfrage unklar. Fest steht jedoch: Die Ökonomen schreiben die Verlangsamung des US-Wirtschaftswachstums dem fast schon inflationären Verhängen von US-Strafzöllen zu.

All eyes auf Jackson Hole

Daher wird mit umso mehr Spannung die Rede von Jerome Powell auf dem Economic Symposium in Jackson Hole Wyoming erwartet, einem von der Federal Reserve Bank of Kansas City organisierten Treffen der US-Notenbankchefs und anderer namhafter Ökonomen, Politiker und Finanzexperten. 1978 und damit vor genau 40 Jahren hatte das Symposium Premiere. Ob es auch für die Marktakteure einen Grund zum Feiern geben wird, entscheidet sich bei der Rede Powells.

Wird er den Analysten deutlich signalisieren, wie es nach 2019 mit den Zinsen weitergehen wird und wie die FED auf wachsende Unwägbarkeiten im Welthandel reagieren will? Strebt Powell wirklich die Marke von 3,0 Prozent an – und damit eine Normalisierung? Wird er womöglich die nächsten Erhöhungen für 2018 infrage stellen und sich damit Trumps Druck beugen, der den Wirtschaftsmotor gerne noch bis mindestens zu den Midterm-Wahlen im November mit billigem Geld anfeuern würde? Ein fatales Fanal für die Finanzmärkte. Wird er das Geld und damit auch den Dollar weiter verteuern, was für Trump wiederum strategische Nachteile bei den Handelskonflikten mit China und der EU brächte?

Die Gastgeberin in Jackson Hole, Esther George, Chefin der Federal Reserve Bank of Kansas City, setzt hier deutlichere Statements: Sie hält zwei Zinsanhebungen noch in diesem Jahr für angemessen, abhängig von der weiteren (positiven) Entwicklung der Wirtschaft. Zudem, so betonte sie in einem Bloomberg-Interview am vergangenen Donnerstag im Vorfeld des Economic Symposiums, wirke sich die Kritik von US-Präsident Donald Trump in keiner Weise auf künftige FED-Entscheidungen aus.

Für unsere Vermögensverwaltung halten wir weiterhin unseren Kurs: Aktien, Bundesanleihen, US-Staatsanleihen, Gold und sicheren Währungen. Wir glauben an die Chancen der Aktien, insbesondere US-Aktien. Im Zuge des stärker werdenden Dollars (Türkeikrise) haben wir unsere Dollarquote weiter angehoben. Die USA und die Handelskonflikte werden wir dennoch kritisch im Auge behalten. Sehen wir Anzeichen, dass unser Risikoszenario eintritt, werden wir einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unserem Ansatz Gewinne sichern, unsere Risikobudgets verteidigen und, falls nötig, in »sichere Häfen« umschichten. Nach Jackson Hole blicken wir daher mit einer guten Tasse Tee.

Wachstumswelle statt Konjunkturdelle

Vor einigen Tagen veröffentlichte das Statistikamt der Europäischen Union (Eurostat) seine Schätzungen zum Wirtschaftswachstum in der EU für das 2. Quartal 2018. Viele Marktbeobachter waren ob des durchweg positiven Ergebnisses erleichtert. So legten insgesamt alle 28 EU-Länder in Sachen BIP zu. Unterm Strich ergab sich ein EU-weites leichtes Plus von 0,4 Prozent verglichen zum Vorjahresquartal, und ein gar noch größeres Wachstum von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Deutschland erwirtschaftete in Q2 2018 ein BIP-Plus von 0,5 Prozent (plus 1,9 Prozent zum Vorjahreszeitraum), in den Niederlanden und Spanien wuchs die Wirtschaft im 2. Quartal des laufenden Jahres sogar noch etwas mehr, nämlich um 0,7 Prozent respektive um 0,6 Prozent. Frankreich und das derzeitige EU-Sorgenkind Italien konnten zumindest um 0,2 Prozent zulegen. Die endgültigen Eurostat-Zahlen folgen Anfang September.

Die Prognosen der Analysten lagen bei einem EU-weitem Plus von 0,3 Prozent von Q1 zu Q2 2018 bzw. von 2,1 Prozent zum Vorjahreszeitraum und bei einem deutschen BIP-Wachstum von 0,4 Prozent von Q1 zu Q2 2018.

„Trotz“, der neue Wirtschaftsmotor

Natürlich ist dies kein exorbitantes Wachstum. Und doch sind scheinbar alle sehr zufrieden mit den vorübergehenden BIP-Zahlen – und damit, dass die Einschätzungen leicht übertroffen wurden. Der Grund findet sich in der Konzessiv-Konjunktion „trotz“, ein Verbindungswörtchen, das von Natur aus auf Einschränkungen zielt. Und von denen gibt es derzeit einige.

Das Stop-and-Go in Richtung Brexit-Sackgasse und ein transatlantischer Strafzölle-Ping-Pong gehören sicher dazu. Hinzu kommt nun der Handelskonflikt zwischen den USA und der Türkei, der aufgrund vieler Faktoren leider einiges an Eskalationspotential birgt.

Und doch war dieses kämpferische Trotz bisher stark genug, um alle neuen und bestehenden Handelshürden zu überwinden. Die einen sagen dank Rückenwind vergangener Dynamik oder verweisen auf das „Strafzölle-Stillhalteabkommen“ zwischen Juncker und Trump, die anderen sehen den Eigenantrieb als konjunkturellen Impulsgeber. Gerade in Deutschland waren es laut Bundeswirtschaftsministerium „binnenwirtschaftliche Impulse“ und eine stärkere Investitionstätigkeit wie auch die Baugewerbe-Hochkonjunktur und ein Plus bei den Exporten und den privaten Kfz-Neuzulassungen.

Die aktuellen und womöglich künftig weiter bestehenden Unwägbarkeiten – also Strafzölle, Brexit (oder der Exit davon) und der Verfall der türkischen Lira – konnten dem BIP-Wachstum in Deutschland wie auch in der EU bisher keine Delle verpassen. DIE OECD glaubt an das weltweite Momentum und prognostiziert für 2018 ein Welt-BIP-Wachstum von 3,8 Prozent. In 2019 soll es gar plus 3,9 Prozent betragen.

Andere Wirtschafts- und Konjunkturforscher geben der kräftigen Konzession „Trotz“ zwar einen gebührenden Raum, betrachten die bestehenden und künftigen konjunkturellen Einschränkungsszenarien jedoch mit wachsamem Auge.

Die August-Ausgabe des ZEW-Finanzmarkttest beispielsweise vermeldete mit 7,6 Punkten zwar einen kräftigen Zuwachs der positiven Erwartungen an die Konjunkturentwicklung, doch drehte sich der nun bei minus 11,1 Zählern liegende Indikator (noch) nicht ins Plus. Konkret glauben 13,7 Prozent der befragten Finanzexpertinnen und Finanzexperten an eine Verbesserung der konjunkturellen Situation in und für Deutschland – und damit 4,7 Prozent mehr als im Vormonat. Über die Hälfte (58,9 Prozent) erwartet keine Veränderungen und 27,4 Prozent glauben an eine sich verschlechternde wirtschaftliche Lage – immerhin 4,3 Prozent weniger als im Vormonat.

73,1 Prozent der befragten Finanzexpertinnen und Finanzexperten hingegen stufen die aktuelle konjunkturelle Lage als gut (plus 0,2 Prozent), 26,4 Prozent als normal und nur 0,5 Prozent als schlecht ein. Der ZEW-Konjunktur-Indikator für den Euroraum gab um 6,2 Zähler auf 30,0 Punkte nach.

Der ifo Geschäftsklimaindex schließlich sank im Juli auf 101,7 Punkte (Juni: 101,8 Punkte). Dieser Stand spiegelt eine einerseits verbesserte Einschätzung der aktuellen Geschäftslage durch die Unternehmen und andererseits verhaltene Konjunkturerwartungen wider.

So gibt es also Höhen und Tiefen in den Erwartungen an die Konjunktur und an ihre Entwicklung und ebenso unterschiedliche Interpretationen der Ergebnisse. Die Brücke über die negativen hin zu den positiven Erhebungen aber bildet zumindest in diesem Quartal das kraftvolle Trotz.

Fazit:

Gerade in einer solchen Situation – positive wirtschaftliche Grundtendenz, aber potentielle merkliche Störfeuer – kann sich unser risikoorientierter Investmentansatz bewähren. Sollten nämlich die Störfeuer, die wir im Rahmen unserer integrativen Risikomessung intensiv beobachten, als konjunkturell schlagend erweisen, werden wir entsprechende Schritte zur Risikoreduzierung vornehmen.

 

Berichtssaison 2.0 – Die wahre Stärke deutscher Unternehmen

Die heiße Phase der US-Berichtssaison hat begonnen. Abgesehen von ein paar prominenten Enttäuschungen verläuft sie bislang überwiegend erfreulich. Laut der Researchfirma FactSet sagen Analysten für das zweite Quartal einen Anstieg beim Umsatz um neun Prozent für die Unternehmen des S&P 500 vorher. Gleichzeitig soll der Gewinn um gut 20 Prozent nach oben schießen. Das wäre das zweitstärkste Wachstum seit dem dritten Quartal 2010. Zu den guten Ergebnissen trägt neben der US-Steuerreform auch der zwischenzeitlich schwächere Dollar bei.

Deutschlands Konzerne sind nicht schlechter, konnten teilweise ebenfalls mit sehr guten Zahlen aufwarten. Ein Beispiel dafür ist Adidas, die nicht nur vom Sportgroßereignis Fußballweltmeisterschaft besser profitierten als gedacht, sondern auch erfolgreich neue, teure Produkte auf dem Weltmarkt positionieren konnten. Die Börse belohnte das mit entsprechendem Kursaufschlag.

Schaut man sich die Entwicklung des DAX der vergangenen Handelswochen zur Gänze an, so stellen wir fest, dass die Anleger dementsprechend an den Markt zurückgekehrt sind. Vor allem die Ausblicke der Unternehmen wurden positiv von den Börsianern quittiert.

Der Erfolg deutscher Unternehmen ist kein Zufall

Die wahre Stärke deutscher Unternehmen ist nicht allein der weltweite Absatz ihrer Produkte. Am Beispiel von Volkswagen erkennt man, dass zur Maximierung des Gewinns eines neu erschlossenen Absatzmarktes eben auch die Produktion der Güter vor Ort sehr von Vorteil ist.

Auf diese Art und Weise sind neue strategische Allianzen und Handelsabkommen – vor allem mit China und Japan – entstanden, die alte „Abhängigkeiten“ reduziert und somit die deutsche Wirtschaft „wetterfester“ gemacht haben.

Bei aller spürbaren Erleichterung über diese weitgehend positiven Entwicklungen der Unternehmenszahlen in Deutschland, der EU und auch weltweit, die wichtigste Voraussetzung für eine weiterhin prosperierende Weltwirtschaft ist der freie Handel. Der kürzlich verhandelte „Deal“ zwischen Donald Trump und Jean-Claude Juncker war ein wichtiges Signal hierfür und könnte im weiteren Jahresverlauf seine positive Wirkung entfalten.

Neben den bereits beschriebenen positiven Signalen sollte man eines der besten Argumente für eine gute Börsenphase in der zweiten Jahreshälfte nicht aus den Augen verlieren: Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis des Deutschen Aktienindex liegt bei 12,7. Damit liegt es weit unter dem 30-Jahre-Durchschnitt von 19 und zeigt, dass deutsche Aktien noch günstig bewertet sind.

So glauben wir, bei aller Unsicherheiten, die durch die politischen Entscheider jenseits des Atlantiks immer wieder aufkommen, valide Chancen auf ein erfreuliches zweites Börsenhalbjahr zu sehen.

Fazit

Unser Kurs für die nächsten Monate bleibt weiter gesetzt: Wir glauben an die Chancen der Aktien, verlieren aber weder den Handelskrieg noch Italien aus den Augen und halten an unseren Gegengewichten fest. Wenn unser Risikoszenario eintritt, werden wir einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unserem Ansatz Gewinne sichern, unsere Risikobudgets verteidigen und, falls nötig, in »sichere Häfen« umschichten.

Was für einen Turnaround Europas spricht

Europa scheint über die letzten zehn Jahre in einem dauerhaften Krisenmodus zu sein: Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, Griechenlandkrise, Brexit-Votum, Flüchtlingskrise und zuletzt die Italienkrise und der drohende Handelskrieg mit den USA.

Immer wieder hinterlassen diese Krisen auch Schleifspuren in der Wirtschaft, wie am zuletzt gesunkenen IFO-Indikator sichtbar. Und doch lassen sich fünf Gründe für ein wieder anziehendes Wirtschaftswachstum in Europa aufzeigen.

  1. Europa braucht Krisen, um sich weiterzuentwickeln: Schon die Grundidee eines stärker integrierten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg ist in einem solchen Szenario erwachsen, die Einführung der Euro-Zone wurde zumindest durch die Frage der deutschen Wiedervereinigung beschleunigt, und die aktuellen deutsch-französischen Vorschläge zur Vertiefung der Euro-Zone sind eine späte, aber bedeutende Antwort auf die Staatsschuldenkrise.
  2. Krisenstaaten haben Turnaround geschafft: Irland und Portugal sind Erfolgsmodelle einer gelungenen »Staats«-Restrukturierung. Spanien, Italien und Griechenland zeigen ermunternde Entwicklungen bei Wachstum und Beschäftigung. Ja, die Prozesse sind mühsam, dauern lange und werden durch politische Störfeuer manchmal gebremst, aber: Wäre es besser, durch einfache Währungsabwertung die Länder kurzfristig wettbewerbsfähiger, aber langfristig strukturell ärmer und »schlechter« zu machen?
  3. Geldpolitik bleibt akkommodierend: Der Ausstieg aus dem QE-Programm, also den Anleihenkäufen der Notenbank, wird ersetzt durch eine Verankerung der kurzfristigen und wohl auch bald langfristigen Zinsen in der Euro-Zone, so die klare Rhetorik der Notenbank. Schlecht für Sparer und Banken, aber gut für Investoren und Unternehmen.
  4. Das exportorientierte Europa profitiert vom weltweiten synchronen Wachstum: Für 2018 und 2019 liegen die globalen Wachstumsschätzungen bei etwa 3,5 %. Gerade die USA zeigt sich als wachstumsstark; dies dürfte den Dollar beflügeln, was wiederum europäischen Exporteuren zugutekommt. Die Verflachung der Zinskurve wird zwar als Vorbote möglicher rezessiver Tendenzen gesehen, entscheidender dürfte allerdings der Ausblick der US-Unternehmen im Rahmen der anstehenden Q2-Berichterstattung sein.
  5. Bewertung von Aktien und (Staats-)Anleihen in Europa eher noch günstiger: Die US-amerikanische Wirtschaft hat etwa drei Jahre Vorlauf in der Bewältigung der globalen Finanzkrise vor Europa, nicht nur wegen der früher einsetzenden massiven Unterstützung durch die Notenbank, sondern auch weil die Staatsschuldenkrise ab 2011 Europa in besonderer Weise getroffen hat; folglich liegt die Bewertung US-amerikanischer Unternehmen schon über der von 2006; Europa ist noch günstiger, wenn auch nicht billig bewertet. Die Verankerung kurz- und langfristig recht niedriger Zinsen durch die europäische Zentralbank sollte auch Raum für kurzfristig steigende Anleihenkurse schaffen.

Diese fünf Gründe für eine weitere Erholung der europäischen Märkte dürfen ihre volle Wirkungskraft entfalten, wenn sich Lösungen für den Handelskonflikt abzeichnen sowie politische Entscheidungen zur Stabilisierung der Euro-Zone umgesetzt werden. Auch gilt es, den italienischen Haushaltsentwurf im September im Auge zu behalten.

Alle diese Fakten werden wir sorgfältig beobachten, um für Sie rechtzeitig von einer möglichen Übergewichtung Europas in unserer Vermögensverwaltung zu profitieren.