Wachstumswelle statt Konjunkturdelle

Vor einigen Tagen veröffentlichte das Statistikamt der Europäischen Union (Eurostat) seine Schätzungen zum Wirtschaftswachstum in der EU für das 2. Quartal 2018. Viele Marktbeobachter waren ob des durchweg positiven Ergebnisses erleichtert. So legten insgesamt alle 28 EU-Länder in Sachen BIP zu. Unterm Strich ergab sich ein EU-weites leichtes Plus von 0,4 Prozent verglichen zum Vorjahresquartal, und ein gar noch größeres Wachstum von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Deutschland erwirtschaftete in Q2 2018 ein BIP-Plus von 0,5 Prozent (plus 1,9 Prozent zum Vorjahreszeitraum), in den Niederlanden und Spanien wuchs die Wirtschaft im 2. Quartal des laufenden Jahres sogar noch etwas mehr, nämlich um 0,7 Prozent respektive um 0,6 Prozent. Frankreich und das derzeitige EU-Sorgenkind Italien konnten zumindest um 0,2 Prozent zulegen. Die endgültigen Eurostat-Zahlen folgen Anfang September.

Die Prognosen der Analysten lagen bei einem EU-weitem Plus von 0,3 Prozent von Q1 zu Q2 2018 bzw. von 2,1 Prozent zum Vorjahreszeitraum und bei einem deutschen BIP-Wachstum von 0,4 Prozent von Q1 zu Q2 2018.

„Trotz“, der neue Wirtschaftsmotor

Natürlich ist dies kein exorbitantes Wachstum. Und doch sind scheinbar alle sehr zufrieden mit den vorübergehenden BIP-Zahlen – und damit, dass die Einschätzungen leicht übertroffen wurden. Der Grund findet sich in der Konzessiv-Konjunktion „trotz“, ein Verbindungswörtchen, das von Natur aus auf Einschränkungen zielt. Und von denen gibt es derzeit einige.

Das Stop-and-Go in Richtung Brexit-Sackgasse und ein transatlantischer Strafzölle-Ping-Pong gehören sicher dazu. Hinzu kommt nun der Handelskonflikt zwischen den USA und der Türkei, der aufgrund vieler Faktoren leider einiges an Eskalationspotential birgt.

Und doch war dieses kämpferische Trotz bisher stark genug, um alle neuen und bestehenden Handelshürden zu überwinden. Die einen sagen dank Rückenwind vergangener Dynamik oder verweisen auf das „Strafzölle-Stillhalteabkommen“ zwischen Juncker und Trump, die anderen sehen den Eigenantrieb als konjunkturellen Impulsgeber. Gerade in Deutschland waren es laut Bundeswirtschaftsministerium „binnenwirtschaftliche Impulse“ und eine stärkere Investitionstätigkeit wie auch die Baugewerbe-Hochkonjunktur und ein Plus bei den Exporten und den privaten Kfz-Neuzulassungen.

Die aktuellen und womöglich künftig weiter bestehenden Unwägbarkeiten – also Strafzölle, Brexit (oder der Exit davon) und der Verfall der türkischen Lira – konnten dem BIP-Wachstum in Deutschland wie auch in der EU bisher keine Delle verpassen. DIE OECD glaubt an das weltweite Momentum und prognostiziert für 2018 ein Welt-BIP-Wachstum von 3,8 Prozent. In 2019 soll es gar plus 3,9 Prozent betragen.

Andere Wirtschafts- und Konjunkturforscher geben der kräftigen Konzession „Trotz“ zwar einen gebührenden Raum, betrachten die bestehenden und künftigen konjunkturellen Einschränkungsszenarien jedoch mit wachsamem Auge.

Die August-Ausgabe des ZEW-Finanzmarkttest beispielsweise vermeldete mit 7,6 Punkten zwar einen kräftigen Zuwachs der positiven Erwartungen an die Konjunkturentwicklung, doch drehte sich der nun bei minus 11,1 Zählern liegende Indikator (noch) nicht ins Plus. Konkret glauben 13,7 Prozent der befragten Finanzexpertinnen und Finanzexperten an eine Verbesserung der konjunkturellen Situation in und für Deutschland – und damit 4,7 Prozent mehr als im Vormonat. Über die Hälfte (58,9 Prozent) erwartet keine Veränderungen und 27,4 Prozent glauben an eine sich verschlechternde wirtschaftliche Lage – immerhin 4,3 Prozent weniger als im Vormonat.

73,1 Prozent der befragten Finanzexpertinnen und Finanzexperten hingegen stufen die aktuelle konjunkturelle Lage als gut (plus 0,2 Prozent), 26,4 Prozent als normal und nur 0,5 Prozent als schlecht ein. Der ZEW-Konjunktur-Indikator für den Euroraum gab um 6,2 Zähler auf 30,0 Punkte nach.

Der ifo Geschäftsklimaindex schließlich sank im Juli auf 101,7 Punkte (Juni: 101,8 Punkte). Dieser Stand spiegelt eine einerseits verbesserte Einschätzung der aktuellen Geschäftslage durch die Unternehmen und andererseits verhaltene Konjunkturerwartungen wider.

So gibt es also Höhen und Tiefen in den Erwartungen an die Konjunktur und an ihre Entwicklung und ebenso unterschiedliche Interpretationen der Ergebnisse. Die Brücke über die negativen hin zu den positiven Erhebungen aber bildet zumindest in diesem Quartal das kraftvolle Trotz.

Fazit:

Gerade in einer solchen Situation – positive wirtschaftliche Grundtendenz, aber potentielle merkliche Störfeuer – kann sich unser risikoorientierter Investmentansatz bewähren. Sollten nämlich die Störfeuer, die wir im Rahmen unserer integrativen Risikomessung intensiv beobachten, als konjunkturell schlagend erweisen, werden wir entsprechende Schritte zur Risikoreduzierung vornehmen.

 

Berichtssaison 2.0 – Die wahre Stärke deutscher Unternehmen

Die heiße Phase der US-Berichtssaison hat begonnen. Abgesehen von ein paar prominenten Enttäuschungen verläuft sie bislang überwiegend erfreulich. Laut der Researchfirma FactSet sagen Analysten für das zweite Quartal einen Anstieg beim Umsatz um neun Prozent für die Unternehmen des S&P 500 vorher. Gleichzeitig soll der Gewinn um gut 20 Prozent nach oben schießen. Das wäre das zweitstärkste Wachstum seit dem dritten Quartal 2010. Zu den guten Ergebnissen trägt neben der US-Steuerreform auch der zwischenzeitlich schwächere Dollar bei.

Deutschlands Konzerne sind nicht schlechter, konnten teilweise ebenfalls mit sehr guten Zahlen aufwarten. Ein Beispiel dafür ist Adidas, die nicht nur vom Sportgroßereignis Fußballweltmeisterschaft besser profitierten als gedacht, sondern auch erfolgreich neue, teure Produkte auf dem Weltmarkt positionieren konnten. Die Börse belohnte das mit entsprechendem Kursaufschlag.

Schaut man sich die Entwicklung des DAX der vergangenen Handelswochen zur Gänze an, so stellen wir fest, dass die Anleger dementsprechend an den Markt zurückgekehrt sind. Vor allem die Ausblicke der Unternehmen wurden positiv von den Börsianern quittiert.

Der Erfolg deutscher Unternehmen ist kein Zufall

Die wahre Stärke deutscher Unternehmen ist nicht allein der weltweite Absatz ihrer Produkte. Am Beispiel von Volkswagen erkennt man, dass zur Maximierung des Gewinns eines neu erschlossenen Absatzmarktes eben auch die Produktion der Güter vor Ort sehr von Vorteil ist.

Auf diese Art und Weise sind neue strategische Allianzen und Handelsabkommen – vor allem mit China und Japan – entstanden, die alte „Abhängigkeiten“ reduziert und somit die deutsche Wirtschaft „wetterfester“ gemacht haben.

Bei aller spürbaren Erleichterung über diese weitgehend positiven Entwicklungen der Unternehmenszahlen in Deutschland, der EU und auch weltweit, die wichtigste Voraussetzung für eine weiterhin prosperierende Weltwirtschaft ist der freie Handel. Der kürzlich verhandelte „Deal“ zwischen Donald Trump und Jean-Claude Juncker war ein wichtiges Signal hierfür und könnte im weiteren Jahresverlauf seine positive Wirkung entfalten.

Neben den bereits beschriebenen positiven Signalen sollte man eines der besten Argumente für eine gute Börsenphase in der zweiten Jahreshälfte nicht aus den Augen verlieren: Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis des Deutschen Aktienindex liegt bei 12,7. Damit liegt es weit unter dem 30-Jahre-Durchschnitt von 19 und zeigt, dass deutsche Aktien noch günstig bewertet sind.

So glauben wir, bei aller Unsicherheiten, die durch die politischen Entscheider jenseits des Atlantiks immer wieder aufkommen, valide Chancen auf ein erfreuliches zweites Börsenhalbjahr zu sehen.

Fazit

Unser Kurs für die nächsten Monate bleibt weiter gesetzt: Wir glauben an die Chancen der Aktien, verlieren aber weder den Handelskrieg noch Italien aus den Augen und halten an unseren Gegengewichten fest. Wenn unser Risikoszenario eintritt, werden wir einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unserem Ansatz Gewinne sichern, unsere Risikobudgets verteidigen und, falls nötig, in »sichere Häfen« umschichten.

Was für einen Turnaround Europas spricht

Europa scheint über die letzten zehn Jahre in einem dauerhaften Krisenmodus zu sein: Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, Griechenlandkrise, Brexit-Votum, Flüchtlingskrise und zuletzt die Italienkrise und der drohende Handelskrieg mit den USA.

Immer wieder hinterlassen diese Krisen auch Schleifspuren in der Wirtschaft, wie am zuletzt gesunkenen IFO-Indikator sichtbar. Und doch lassen sich fünf Gründe für ein wieder anziehendes Wirtschaftswachstum in Europa aufzeigen.

  1. Europa braucht Krisen, um sich weiterzuentwickeln: Schon die Grundidee eines stärker integrierten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg ist in einem solchen Szenario erwachsen, die Einführung der Euro-Zone wurde zumindest durch die Frage der deutschen Wiedervereinigung beschleunigt, und die aktuellen deutsch-französischen Vorschläge zur Vertiefung der Euro-Zone sind eine späte, aber bedeutende Antwort auf die Staatsschuldenkrise.
  2. Krisenstaaten haben Turnaround geschafft: Irland und Portugal sind Erfolgsmodelle einer gelungenen »Staats«-Restrukturierung. Spanien, Italien und Griechenland zeigen ermunternde Entwicklungen bei Wachstum und Beschäftigung. Ja, die Prozesse sind mühsam, dauern lange und werden durch politische Störfeuer manchmal gebremst, aber: Wäre es besser, durch einfache Währungsabwertung die Länder kurzfristig wettbewerbsfähiger, aber langfristig strukturell ärmer und »schlechter« zu machen?
  3. Geldpolitik bleibt akkommodierend: Der Ausstieg aus dem QE-Programm, also den Anleihenkäufen der Notenbank, wird ersetzt durch eine Verankerung der kurzfristigen und wohl auch bald langfristigen Zinsen in der Euro-Zone, so die klare Rhetorik der Notenbank. Schlecht für Sparer und Banken, aber gut für Investoren und Unternehmen.
  4. Das exportorientierte Europa profitiert vom weltweiten synchronen Wachstum: Für 2018 und 2019 liegen die globalen Wachstumsschätzungen bei etwa 3,5 %. Gerade die USA zeigt sich als wachstumsstark; dies dürfte den Dollar beflügeln, was wiederum europäischen Exporteuren zugutekommt. Die Verflachung der Zinskurve wird zwar als Vorbote möglicher rezessiver Tendenzen gesehen, entscheidender dürfte allerdings der Ausblick der US-Unternehmen im Rahmen der anstehenden Q2-Berichterstattung sein.
  5. Bewertung von Aktien und (Staats-)Anleihen in Europa eher noch günstiger: Die US-amerikanische Wirtschaft hat etwa drei Jahre Vorlauf in der Bewältigung der globalen Finanzkrise vor Europa, nicht nur wegen der früher einsetzenden massiven Unterstützung durch die Notenbank, sondern auch weil die Staatsschuldenkrise ab 2011 Europa in besonderer Weise getroffen hat; folglich liegt die Bewertung US-amerikanischer Unternehmen schon über der von 2006; Europa ist noch günstiger, wenn auch nicht billig bewertet. Die Verankerung kurz- und langfristig recht niedriger Zinsen durch die europäische Zentralbank sollte auch Raum für kurzfristig steigende Anleihenkurse schaffen.

Diese fünf Gründe für eine weitere Erholung der europäischen Märkte dürfen ihre volle Wirkungskraft entfalten, wenn sich Lösungen für den Handelskonflikt abzeichnen sowie politische Entscheidungen zur Stabilisierung der Euro-Zone umgesetzt werden. Auch gilt es, den italienischen Haushaltsentwurf im September im Auge zu behalten.

Alle diese Fakten werden wir sorgfältig beobachten, um für Sie rechtzeitig von einer möglichen Übergewichtung Europas in unserer Vermögensverwaltung zu profitieren.

Fly me to the moon

Heute wird sich am nächtlichen Himmel ein besonderes Spektakel vollziehen. Wir werden Zeugen der längsten Mondfinsternis des Jahrhunderts. Eine Mondfinsternis kann im Groben in drei besonders interessante Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase beschreibt den Eintritt des strahlenden Mondes in den Erdschatten, die zweite Phase zeigt zur Gänze einen verdunkelten Mond und in der dritten Phase tritt der Mond wieder aus dem Erdschatten heraus und beginnt erneut zu leuchten.

Nun eine ähnliche Beschreibung könnten wir bei Handelskriegen bemühen. In welcher Phase wir uns genau befinden, ist beim volatilen Verhalten des Hauptverantwortlichen für das genannte Szenario, schwer zu bestimmen.

Doch mit Blick auf die vergangenen beiden Wochen lässt sich zumindest ein leichter Schimmer an unserem „Mond“ wieder erkennen.

Der Sojabohnendeal

Am 25.07. trafen sich der amtierende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker und US-Präsident Donald Trump, um etwas „very positive“ entstehen zu lassen. Im Detail sollte es um die Beseitigung aller(!) Zölle zwischen den USA und der EU gehen. Was am Ende dabei heraus kam, war ein Deal auf Basis von Flüssiggas und landwirtschaftlichen Produkten (Sojabohnen). Das Interessante daran ist nicht der Umfang des „Deals“ sondern der Zeitpunkt.

Yes, we JEFTA

Seit Washington mit immer neuen (Androhungen von) Strafzöllen nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen von dies- zu jenseits des Atlantiks belastet, sucht die EU nach adäquaten Antworten, die über symbolische Strafzoll-Retourkutschen hinausgehen. Mit dem Economic Partnership Agreement (EPA) – auch Japan-EU Free Trade Agreement, JEFTA, genannt – hat man nach gut fünf Jahren Vorbereitung nun eine solche starke Antwort gefunden, um den freien Verkehr von Dienstleistungen und Waren wenigstens zwischen Brüssel und Tokio aus seinem protektionistischen Korsett zu befreien.

Der Zeitpunkt könnte kaum symbolischer und strategischer gewählt sein: So soll JEFTA voraussichtlich Ende März 2019 in Kraft treten, praktisch pünktlich zum, zumindest offiziell, noch nicht verschobenen oder gar verworfenen Brexit-Termin Großbritanniens. Zudem setzten die Signatare ihre Unterschrift gut eine Woche vor dem Treffen des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker mit US-Präsident Donald Trump am 25. Juli.

Strategisch, symbolisch und kämpferisch

JEFTA ist nicht nur ein Zeichen für friedlichen und freien, regelbasierten Welthandel, sondern letztlich auch eine Kampfansage an Trumps regulatorische Handelsbarrieren. Dank JEFTA sollen praktisch alle noch bestehenden Zölle stark gesenkt bzw. de facto abgeschafft werden. Zwar lagen bereits vor JEFTA über die Hälfte der japanischen Importzölle bei Null Prozent (was dem höchsten Null-Prozent-Anteil an Zöllen innerhalb der G20 entspricht) , doch nun einigten sich Brüssel und Tokio darauf, dass auch noch die verbliebenen monetären Handelsschranken sukzessive fallen werden.

Niedrige Handelsbarrieren als Einstieg in attraktive Absatzmärkte

Von den niedrigen Handelsbarrieren versprechen sich die EU und Japan noch bessere und billigere Zugänge zu ihren attraktiven Märkten. Mehr als 500 Millionen Konsumenten in Europa und fast 130 Millionen in Japan sollen von billigeren Preisen für Produkte wie Käse, Wein, Schweine- und Rindfleisch, später aber auch von Autos profitieren. Genauso soll sich der Markt für Finanzdienstleistungen, Telekommunikation und Verkehr auf Gegenseitigkeit weiter öffnen.

Japan belegte 2017 mit einem jährlichen Handelsvolumen von knapp 130 Milliarden Euro Platz sechs im Ranking der wichtigsten EU-Handelspartner – unter anderem hinter den USA und China. Zudem ist es Deutschlands zweitwichtigster asiatischer Handelspartner. In Sachen Im- und Exporte stehen sich die EU und Japan in kaum etwas nach. Letztes Jahr erreichten Europa japanische Waren und Dienstleistungen im Wert von fast 69 Milliarden Euro. Rund 60 Milliarden setze Europa mit Exporten nach Japan um.

Japan, das Ertragswunderland

Andere Zahlen zeichnen ein ebenso vielversprechendes Investment-Bild von Japan: Laut World Investment Report 2017 der UN befindet sich das Land auf Platz fünf der weltweit vielversprechendsten Wirtschaften für 2017-2019. Die erwirtschafteten Erträge europäischer Investitionen in Japan lagen bei im Schnitt 6,6 Prozent – und damit weit über den durchschnittlichen Erträgen innereuropäischer Investments (3,4 Prozent). Zudem rangierten die Renditen auch über denen von Anlagen, die europäische Firmen in anderen außereuropäischen Ländern tätigten (3,9 Prozent).

Umso mehr hat dieser einmalige Euro-Pazifische Handelsraum viel Luft nach oben, was die Steigerung der Attraktivität beider Absatzmärkte und die Zunahme der Handelsvolumina sowohl von Waren wie auch von Dienstleistungen betrifft. Mit dem Export letzterer nach Japan erwirtschaftete die EU vor Kurzem noch rund 28 Milliarden Euro.

Zuwächse auch dank Einsparungen

Nun hofft man auf Zuwächse im zweistelligen (beispielsweise bei chemischen Erzeugnissen und elektrischen Maschinen) und teilweise gar im dreistelligen Prozentbereich (vor allem bei verarbeiteten Lebensmitteln). Und gerade deutsche Unternehmen setzen auf Wachstum, was die Einschätzungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan (AHK Japan) unterstreichen: Aktuell sollen etwa 12.000 deutsche Firmen in Japan geschäftlich aktiv sein. Für die nächsten Post-JEFTA-Jahre rechnet man mit einem fast branchenübergreifenden Plus im zweistelligen Prozentbereich. Auch könnten dank JEFTA die Handelsbeziehungen mit japanischen Unternehmen außerhalb von Japan (Drittmarktgeschäft) ihr Potential weiter ausbauen.

Neben dem Wachstum setzen alle auch auf Einsparungen, die laut EU-Kommission für die EU-Exporteure bei etwa einer Milliarde Euro pro Jahr liegen könnten.

Nicht zuletzt aber wollen Japan und die EU eine Art Leuchtturmprojekt starten, dessen strategische Strahlkraft bis nach Washington, womöglich auch nach London reicht und ein neues Selbstbewusstsein aussendet. Welches sich vor allem aus dem Bekenntnis zu einem freien, fairen, regelbasierten Welthandel speist und regulatorische Schranken wie auch protektionistische Allüren in den Schatten stellt.

»Auto« – motivierte Strafzölle oder doch mehr?

Auch wenn der Handelsstreit zwischen den USA auf der einen und EU, Kanada und China auf der anderen Seite noch nicht zu einem Handelskrieg eskaliert ist, kommen die Einschläge in den jeweiligen Ländern immer näher. Die zum 1. Juni 2018 verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium aus Europa und China waren dabei leider nur ein Vorspiel. US-Präsident Trump will nun noch deutlicher den Schlagbaum vor Chinas nationalem Geschäftsmodell fallen lassen. Die USA haben zum 6. Juli 2018 erneut zum Angriff geblasen – diesmal auf die »China-Liste«, ein Verzeichnis mit über 1.000 chinesischen Technologieprodukten. Als Gegenmaßnahme zum »erzwungenen Technologietransfer und dem Diebstahl geistigen Eigentums« seitens China werden Erzeugnisse aus dem Flugzeug-, Roboter- und Maschinenbau im Wert von rund 34 Milliarden US-Dollar ab dem 6. Juli 2018 und sukzessive wahrscheinlich bis in den Herbst 2018 mit Strafzöllen in Höhe von 25 % belegt werden – ironischerweise passend zu Pekings Wirtschaftsplan »Made in China 2025«. China reagierte prompt und  »spiegelbildlich« und verkündete seinerseits das Verhängen von Strafzöllen auf US-Sojabohnen, Fleisch und Fahrzeuge im ähnlichen Gesamtwert.

Hierbei geht es aber um mehr als ein Handelsdefizit. Es geht um langfristige hegemoniale Ansprüche, die China in der pazifischen Region und global verfolgt und die den amerikanischen (und eventuell auch unseren langfristigen) Interessen zuwiderlaufen. Wir können also nicht annehmen, dass Trump ohne das Entgegenkommen Pekings von weiteren Runden der Eskalationsspirale absieht. Mehr noch, wir sollten eher erwarten, dass die USA den weitreichenderen Konflikt suchen, um die westliche technologische und militärische Überlegenheit zu erhalten. Damit würden knapp 20 Jahre der wirtschaftlichen Annäherung ein Ende finden.

Europa ist bei der Auseinandersetzung ein Nebenkriegsschauplatz, der noch am ehesten im offiziellen Kontext eines Handelsdefizits und dessen angeblicher  »Unfairness« zu sehen ist. Das jüngste, vom schillernden neuen Botschafter der USA in Berlin überbrachte 0 %-Zölle-Angebot erweist sich bei näherem Hinsehen als vergifteter Kelch. Während den deutschen Autoherstellern die Zollfreiheit recht wäre, sehen die französischen Autohersteller das etwas anders, da ihre Stärke eher im Qualitätssegment liegt, in dem auch die Amerikaner unterwegs sind. Das chronisch uneinige Europa wird von Trump als schwach eingestuft und soll noch weiter geschwächt werden. Zudem würden WTO-Regeln erfordern, dass die EU die Autozölle gegenüber anderen Produzenten, z. B. aus Fernost, ebenfalls auf Null setzt. Divide et impera – teile und herrsche ist hier das Motto. Europas Einheit schwächen und die WTO-Ordnung untergraben. Kein schlechter Schachzug, Herr Trump.

Mit jedem Monat, in dem die Handelsauseinandersetzungen andauern und eher schlimmer werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dies nicht nur in den Märkten, sondern auch in der Realwirtschaft echte Spuren hinterlässt. Wenn ein Unternehmen wie Volkswagen einen Umbau seiner Produktions- und Lieferketten angehen muss, werden die Gewinne, die man vorher bei der Internationalisierung gemacht hat, wieder wegfallen. Davon ist nicht nur die globale Autoindustrie betroffen, sondern auch andere Industriezweige. Von den befürchteten Folgen für den Welthandel kann auch der Kurs eines bekannten deutschen Logistik-Unternehmens ein Lied singen.

Wir müssen also davon ausgehen, dass es im Verlauf des dritten Quartals, zumindest was die Stimmung und die Investitionsneigung angeht, eher schlechter wird als besser. Einen großen Teil sehen wir schon in den Kursen reflektiert,  aber insgesamt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Handelskrieg echte und weithin spürbare Effekte haben kann. Wir haben daher im letzten Monat unsere Quote bei Aktien auf knapp oberhalb »Neutral« gesenkt, auch um abzuwarten, wie der Markt die gewachsenen Risiken kalibriert. Bei den zum Monatsanfang einlaufenden volkswirtschaftlichen Daten sehen wir sowohl in Japan als auch in Europa Entwicklungen zur weiteren Wachstumsstabilisierung. In den nächsten Wochen werden zudem die Quartalsberichte der Unternehmen Auskunft über die Gewinne des ersten Halbjahres und den Ausblick für den Rest des Jahres geben. Sollten weitere Zölle kommen, werden wir den Test einer unserer Thesen aus den letzten Monaten erleben, nämlich, ob Trump Gesprächsbereitschaft signalisiert oder zurückrudert, wenn die Aktienmärkte einknicken. Wo die Schwelle oder – technisch gesprochen – der Strike-Price des Trump-Puts liegt, wird sich dann zeigen. Wir haben unsere internen Marken scharf geschaltet und werden im Falle eines Falles entsprechend reagieren. Unser Kurs für die nächsten Monate bleibt weiter gesetzt: Wir glauben an die Chancen der Aktien, verlieren aber weder den Handelskrieg noch Italien aus den Augen und halten an unseren Gegengewichten fest. Wenn unser Risikoszenario eintritt, werden wir einem Kursverfall der Märkte nicht untätig zusehen, sondern entsprechend unserem Ansatz Gewinne sichern, unsere Risikobudgets verteidigen und, falls nötig, in »sichere Häfen« umschichten.

Breentry statt Brexit – die Chancen steigen deutlich

Beim Stichwort „Exit vom Brexit“ herrscht weitläufig das Bild eines baldigen neuen Referendums der Briten über ihren Verbleib in oder Ausstieg aus der EU vor. Doch in diesen Tagen stand der Exit vom Brexit für den Weggang zweier prominenter Wortführer der hartgesottenen EU-„Leaver“. Kaum nämlich, dass Premierministerin Theresa May den dreiseitigen Outcome der Kabinettklausur in Chequers präsentierte und darin „Unworte“ wie Freihandelszone oder auch Zollunion erwähnte, verabschiedeten sich sowohl Außenminister Boris Johnson wie auch Brexit-Minister David Davis medienwirksam aus dem Kabinett.

EU-Ratspräsident Donald Tusk quittierte den Abgang der beiden harten Brexiter postwendend mit einem süffisanten Tweet – garniert mit einer großen Portion Hoffnung auf einen möglichen Exit vom Brexit: „Politiker kommen und gehen, aber die Probleme, die sie geschaffen haben, bleiben für die Menschen. Ich kann nur bedauern, dass die Brexit-Idee nicht mit Davis und Johnson gegangen ist. Aber… wer weiß?“ (Quelle: Twitter)

Selbst US-Präsident Donald Trump war sich am Rande des NATO-Gipfels in Brüssel nicht so sicher, ob Brexit wirklich Brexit bedeutet, als er sagte, dass die Bürger zwar dafür gestimmt hätten, vielleicht aber doch einen anderen Weg einschlagen werden.

Die Interpretation der Signale

Die Rücktritte von Außenminister Boris Johnson und Brexit-Minister David Davis sendeten unterschiedliche Signale. Für die einen scheint mit dem Weggang der zwei einflussreichsten Brexit-Hardliner der Weg frei zu sein für einen soften Brexit, inklusive Freihandelsabkommen für Agrar- und Industriegüter und einer Zollunion, die das Wiedereinführen von Grenzkontrollen zwischen UK und der EU und damit eben auch zwischen Nordirland und der Republik Irland überflüssig machen soll.

Die anderen aber fürchten, dass der Weggang von Johnson und Davis nur die Ouvertüre zur von Pauken und Trompeten begleiteten Abwahl Theresa Mays sein könnte. Am Ende, so die große Angst, verliert sich Großbritannien kopf- und führerlos im Chaos und „stolpert“ im März 2019 vollkommen ungeordnet aus der EU.

Märkte unbeeindruckt und optimistisch

Die wirtschaftliche Entwicklung scheint sich der ersten Interpretation anzuschließen. „Betrachten wir den FTSE 100, so sehen wir in den letzten Tagen nur marginale Schwankungen. Er zeigt sich stabil. Seit dem Votum für den Brexit konnte der Index um rund 19 % zulegen. Der DAX hat im gleichen Zeitraum einen Zuwachs von rund 22 % zu verzeichnen – der französische CAC 40 um rund 23 %. Das zeigt, die Wirtschaft geht definitiv nicht von einem harten Brexit aus und wird ihren ganzen Einfluss einsetzen, dass Großbritannien auch zukünftig ein Kooperationspartner der EU bleibt. Deswegen sehen wir als Vermögensverwalter im weltweiten Vergleich mittelfristig ein Erstarken Europas – was sich auch in unserer Anlagepolitik widerspiegeln wird“, so Dr. Sebastian Klein, Vorstandsvorsitzender der Fürstlich Castell’schen Bank.

Die Entwicklung des Britischen Pfunds zum Euro stellt sich nur begrenzt anders dar: Die gefühlte negative Kursentwicklung ist höher als die reale. Dabei hat auch das Pfund nur rund 6 % seit Mitte 2016 verloren. Dr. Sebastian Klein: „In der reinen Zahlenentwicklung spiegelt sich aus unserer Sicht wider, dass die Wirtschaft wohl nicht davon ausgeht, dass final über den Brexit entschieden ist. Neben dem nun anscheinend eingeschlagenen friedlichen Kompromissweg mit der EU, besteht auch immer noch die nicht zu unterschätzende Möglichkeit, dass es zu Neuwahlen oder einem erneuten Referendum in den nächsten Monaten kommen kann. Wir schätzen die Chancen eines de facto Exit vom Brexit auf rund 50 %.“

Exit vom Brexit Episode II

Theresa May und Angela Merkel stehen momentan unter mächtigem innen- wie außenpolitischen Druck. Beide Regierungschefinnen senken ständig den Kopf vor gefährlich niedrig schwingenden Damokles-Schwertern. Die „Schwertführer“: Horst Seehofer, Boris Johnson, Jacob Rees-Mogg und David Davis. Beide Politikerinnen sind aber auch Meisterinnen kühler Kompromisse, was in Zeiten hitziger Debatten und hoher Sommergrade durchaus hilfreich sein kann, um den Wirtschaftsmotor im derzeit aufgeheizten Politikbetrieb auf gesunder Betriebstemperatur zu halten.

Was Theresa May und Angela Merkel noch so eint oder auch trennt, haben sie beim heutigen Besuch der britischen Premierministerin in Berlin in wahrscheinlich klimatisierten Räumen besprochen. Ganz oben auf der Agenda stand natürlich das Brexit-Phantom. Denn immer noch ist unklar, auf welche Art und Weise Großbritannien mit der EU brechen will.

Harter, weicher oder aufgeweichter Brexit?

Theresa May trat ihre Sympathieoffensive quer durch die Regierungsbezirke europäischer Hauptstädte mit schwerem Gepäck an. Denn die Brexit-Hardliner – allen voran Außenminister Boris Johnson, Brexit-Minister David Davis und Jacob Rees-Mogg, die unerbittliche Brexit-Stimme im Unterhaus und Chef der euroskeptischen European Research Group der Tories – lauern jenseits der zahlreichen roten Linien auf ihre Kabinettschefin. Und beim Thema Grenzen und wer und was diese nach März 2019 überhaupt noch überschreiten darf, sind wir an einem der Brexit-Kernpunkte angelangt.

Theresa May nämlich, so die Angst der Brexit-Hardliner, scheint einen Exit vom Brexit vorzubereiten. Die Brexit-Hardliner warnen May, sie dürfe den Votums-Wunsch nach einem glasklaren Bruch mit der EU nicht verraten, indem sie Zugeständnisse an Brüssel macht: eine neue Zollunion und Zolltarife, ein Güter-Binnenmarkt mit der EU und Vorrechte für EU-Bürger. Dieser Versuch einer Balancefindung zwischen Unternehmensinteressen und Brexit-Bedingungen schmeckt Johnson, Davis und Rees-Mogg mindestens ebenso wenig wie ein kontinentales Frühstück. Großbritannien wäre damit nämlich trotz EU-Austritt irgendwie immer noch an die Europäische Union gebunden. Umso erleichterter sind die Verfechter einer harten Brexit-Linie, dass die EU die Pläne von Theresa May bezüglich eines New Customs Partnership (NCP) bisher ablehnt.

MaxFac das Ausstiegsszenario der Hardliner

Die European Research Group sieht eine Alternative in dem nach Zauberformel klingenden Akronym MaxFac (maximum facilitation). Hierbei handelt es sich um ein Modell, bei dem dank neuester Technologien und bewährter Verfahren die Zollabwicklungen für den Güterverkehr so schlank und schnell wie möglich gestaltet werden sollen – auch an der dann wieder geltenden EU-Außengrenze zwischen der Republik Irland und Nordirland. Kritiker bezweifeln jedoch die Effizienz von MaxFac und beziffern die Kosten dafür auf bis zu 20 Milliarden Pfund pro Jahr, was wiederum doppelt so hoch wäre wie der Nettobeitrag Großbritanniens zum EU-Haushalt. Dieses Misstrauen in MaxFac zeigt sich nicht zuletzt in der besorgten Rhetorik britischer Traditionsunternehmen, wie z. B. Jaguar Land Rover, die ihrerseits Investitionen von mehr als 100 Milliarden Pfund auf Sicht der nächsten 5 Jahre als gefährdet ansehen, wenn kein reibungsloser Zugang zum EU-Markt ermöglicht wird. Auch würden Extragebühren beim Warenverkehr mit der EU wie auch verzögerte Lieferungen von Ersatzteilen aus der EU, einen Gewinnrückgang von 1,2 Milliarden Pfund pro Jahr für Jaguar bedeuten.

Genauso stehen auch die Gewinnerwartungen der britischen CFOs im Schatten des Brexit. Nur 17 Prozent nämlich erwarten einen Anstieg der Gewinne in den nächsten 12 Monaten. Im 1.Quartal des Jahres waren dies noch 31 Prozent.

Theresa May will ihre neue Strategie auf einer heutigen Klausurtagung zur Abstimmung stellen. Wollen wir hoffen, dass der Druck durch die britische Jugend, durch sinkende Umfragewerte die einen harten Brexit fordern, aber auch durch handfeste Argumente der britischen Wirtschaft ausreicht, um die richtige Entscheidung zu treffen und die lautet: Exit vom Brexit!

 

(Happy) Birthday, Brexit!?

Britische Jugend gibt der Vernunft eine Stimme

Der Brexit feierte am 23. Juni seinen zweiten Geburtstag. Das ist Anlass genug für eine Retrospektive und einen mutigen Blick in die Zukunft.

Am 23. Juni 2016 stimmten die Briten über ihren Verbleib in der EU ab. Der Ausgang dieser Abstimmung ist uns allen bekannt und einer der Gründe dafür, wenn auch nur in statistischer Hinsicht: Die britische Jugend „verschlief“ das Votum.

Seitdem ist viel passiert und manches davon haben wir schon in der Vergangenheit thematisiert und mit vielen Äußerungen Recht behalten. Im Mai 2017 titelten wir in unserem Anlagebrief „Exit vom Brexit?“. Damals waren für den 8. Juni 2017 Wahlen zum Unterhaus angesetzt. Der Plan von Theresa May zum dortigen Zeitpunkt war klar, das Nutzen der damaligen Umfragewerte der Konservativen und somit mehr innenpolitische Rückendeckung für den Brexit-Kurs der Regierung. Wir warnten vor solchen politischen „risky moves“ und prophezeiten ein mögliches „Erwachen“ der jungen Brexit-Nichtwähler. So kam es dann auch.

Die innenpolitische Zustimmung der Regierung May schmolz zusammen und die Verhandlungsposition der britischen Regierung mit der EU wurde deutlich geschwächt.
Als überzeugte Europäer nahmen wir diese Entwicklungen zum Anlass zur Umkehr aufzurufen und titelten im August 2017 „Put a brake on Brexit“. Damals zeichneten sich die ersten „Schleifspuren“ in der zukünftigen Wirtschaftsdynamik des Vereinigten Königreichs ab und ganze Branchen planten mit ihren Unternehmenszentralen den Abzug von der Insel. Auch die Demoskopen ermittelten im August 2017 mit 61 % eine erhebliche Ablehnung gegen den Kurs der Regierung.

Nun befinden wir uns, zwei Jahre nach der Volksbefragung zum Brexit, nach wie vor in einer verfahrenen Situation. Während der finanzpolitische Ausschuss der Bank of England (BoE) in seinem aktuellen Financial Stability Report guter Dinge ist, dass das britische Banksystem auch einen ungeordneten (sprich: chaotischen) Brexit gut überstehen würde und selbst in einem solchen Szenario die britische Wirtschaft stützen könnte, sieht die Europäische Bankenaufsicht (EBA) das „slightly different“. Sie ermahnte die britischen Finanzinstitute, ihre Anträge auf EU-Lizenzen bis Ende des laufenden Monats einzureichen, da ansonsten nicht gewährleistet sei, dass die jeweilige Erlaubnis zum Mitmischen auf dem EU-Finanzmarkt bis zum tatsächlichen Brexit erteilt werden könne.

Die BoE ihrerseits betonte, man habe Fortschritte bei Vorkehrungen zur Abwendung möglicher Verwerfungen im Bereich der Finanzdienstleistungen gemacht (wenn auch mit Luft nach oben) und wies darauf hin, dass es ja schließlich auch an der EU läge, Tumulte an den Finanzmärkten zu verhindern.

Alleine aus diesen Äußerungen heraus erkennen wir die nach wie vor verhärteten Fronten. Mittlerweile kommen erhebliche Zweifel auf, ob der Brexit-Zeitplan zur Verhinderung eines unkontrollierten Brexits einzuhalten ist.

So hoffen wir auf mehr innenpolitischen Druck in Richtung der Hardliner in den Reihen der britischen Regierung. Und ja, es gibt Anlass für vorsichtigen Optimismus. Zum zweiten Jahrestag des Brexit-Votums gab die britische Jugend der Vernunft eine Stimme. 100.000 Demonstranten machten in London ihrem Unmut Luft und forderten ein neues Votum darüber, wie sich die Briten Ende März 2019 aus der EU verabschieden sollten: hart, halbherzig oder gar nicht.

Ob die Stimme der Vernunft bei der britischen Regierung nun Gehör findet oder nicht, können wir nicht sagen. Ein starkes Europa mit UK wäre aber auf viele Fragen und Probleme der Zukunft die bessere Antwort.

Die Europäische Wirtschaftsdynamik und das Comeback der Gemeinschaft

Die vor gut einem Jahrzehnt ausgebrochene globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Weltmärkte erschüttert, ernüchtert und quasi auf den Kopf gestellt, da vielen nicht nur im übertragenen Sinne der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und vieles auf wackligen Beinen stand.

Nun aber scheinen sich die Finanzmärkte weltweit wieder erholt zu haben und nicht nur eine kurze Verschnaufpause von den Verwerfungen der letzten zehn Jahre einzulegen. Zeichen dafür, dass die wirtschaftliche Wachstumsdynamik in der Breite der europäischen Staaten zurückgekehrt ist, zeigen sich an den Aktienmärkten, genauso wie auch die Spread-Entwicklung der Staatsanleihen dies reflektiert.

Der Beschluss der Europäischen Zentralbank, das Asset Purchase Programme (APP) ab Ende September schrittweise herunterzufahren und bis Ende des Jahres schließlich ganz einzustellen, aber auch die heutige Entscheidung der Eurogruppe, Griechenland bald aus dem Rettungsprogramm zu entlassen, deuten ebenso darauf hin, dass die Koordinaten in Richtung eines nachhaltigen Aufschwungs weisen. Zudem zeigen sie, dass künftig wieder die Zinspolitik als (einziges) Lenkungsinstrument der EZB im Driver Seat sitzt.

„As long as necessary“ statt „Whatever it takes“

Die Entscheidung des EZB-Rats in Riga, die Leitzinsen mindestens bis über den Sommer und so lange wie erforderlich auf dem aktuellen Niveau zu belassen, reflektiert, dass die EZB weiterhin einen wohldosierten und kommunikativ gut begleiteten Pfad der Normalisierung der Zinspolitik beschreitet. Aus „Whatever it takes“ ist zwar ein „As long as necessary“ geworden, geblieben ist jedoch die Überzeugung und Botschaft, dass der Weg „hin zu einer nachhaltigen Anpassung des Inflationspfads“ vor allem geduldig und schrittweise vollzogen werden muss.

Auch die jüngste EZB-Wachstumsprognose stützt diesen begründeten Optimismus. Für das laufende Jahr prognostiziert sie ein BIP-Plus von 2,1 Prozent. 2019 wird die europäische Wirtschaft dann voraussichtlich 1,9 Prozent und 2020 noch 1,7 Prozent wachsen. Entsprechend positiv fielen auch die Reaktionen an den Renten- und Aktienmärkten aus.

Merkel und Macron „marchieren“ voran

Derweil marschieren Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emanuel Macron entschlossen und geschlossen in Richtung einer besseren und tieferen europäischen Integration. Das Mitte Juni in Meseberg getroffene bilateral erneuerte „Versprechen Europas für Sicherheit und Wohlstand“ ist nichts weniger als der mehrere Punkte umfassende Vorschlag einer grundlegenden Reform der Euro-Zone. Dazu gehören neben staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Technologie vor allem auch die Einrichtung eines gesonderten Euro-Zonen-Budgets, der Umbau des Euro-Rettungsmechanismus ESM nach IWF-Vorbild, die Stärkung der Bankenunion und deren Transformation hin zu einer Kapitalmarktunion. Kurzum: Merkel und Macron geht und ging es um nichts weniger als um die längst überfällige Vollendung der Währungsunion.

Natürlich bleibt abzuwarten, welche dieser und anderer deutsch-französischen Beschlüsse auf dem EU-Gipfel am 28. und 29. Juni in Brüssel Anklang oder Ablehnung finden, welche anderen Staaten dazu bereit sind, das gemeinsame Euro-Währungsgebiet neu zu kartographieren und wie viel von Merkels und Macrons bilateralen Vorstößen in künftige Pläne der EU zur Reform der Eurozone einfließen werden. Doch gerade mit Hinblick auf eine mögliche Zuspitzung der politischen und wirtschaftlichen Krise in Italien, die vielleicht auch ein beherztes Eingreifen der europäischen Institutionen verlangen könnte, ist eine noch stärkere weil enger zusammengerückte Euro-Zone die adäquate Antwort.

Gerade hinsichtlich möglicher europäischer Krisen(staaten)szenarien haben Deutschland und Frankreich mit ihrer Initiative und ihrem Maßnahmenkatalog etwas Wichtiges und tatsächlich Bewegendes im Sinn.

Fazit:

Vieles, was über die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Industriestaaten im Allgemeinen und der EURO-Zone im Besonderen entscheiden kann, ist positiv in Bewegung geraten. Welche Maßnahmen davon ihre Wirkung entfalten, kann noch nicht abschließend beurteilt werden. Umso wichtiger ist es für uns, alle möglichen Szenarien auf dem Radar zu behalten und im Hinblick auf die Erzielung einer nachhaltig absoluten Rendite die Portfolien unserer Kunden robust und wetterfest auf die jeweilige Situation anzupassen.

Europäische Wirtschaftspolitik: Gemeinsam statt Einsam

Würzburg, 19. Juni 2018
Presse-Information

Europäische Wirtschaftspolitik:
Gemeinsam statt Einsam

Mittlerweile ist es ein Jahrzehnt her, dass die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ausgebrochen ist. In Europa waren wahrscheinlich die Auswirkungen des großen Finanzbebens am deutlichsten zu spüren – auch wegen der politisch noch nicht komplett vollzogenen Währungsunion. In mehreren europäischen Staaten hat dies zu einem Zulauf von nationalistischen populistischen Parteien geführt. Der traurige Höhepunkt war die Brexit-Entscheidung im Jahr 2016. Die Fürstlich Castell’sche Bank sieht die Zukunft Europas positiv. „Mit der Präsidentschaftswahl in Frankreich steht die „deutsch-französische Achse“. Dass die deutsche Koalition stabiler und kompromissbereiter ist, als viele vermuten, hat sich auch gestern in der Debatte um den „Masterplan Migration“ gezeigt. Auch hier wird Deutschland einen europäischen Weg gemeinsam in der Union entwickeln“, so Dr. Sebastian Klein, Vorstandsvorsitzender der Fürstlich Castell’schen Bank. „Jüngste Umfragen zeigen, gerade auch in Deutschland, wieder eine stärkere Hinwendung der Bevölkerung zu Europa. Der Brexit und die globalen – auch sicherheitspolitischen – Verwerfungen scheinen doch viele wachgerüttelt zu haben.“

Auch wirtschaftlich erlebt Europa gerade ein Comeback. Die „Whatever it takes“-Politik der EZB hat das Schlimmste verhindert. Dr. Sebastian Klein: „Die wirtschaftliche Wachstumsdynamik kehrt in der Breite der europäischen Staaten zurück. Aktienmärkte reflektieren dies ebenso wie die Spread-Entwicklung der Staatsanleihen. Und eine weitere Stärkung des Dollars auf sein faires Niveau wird das exportstarke Europa weiter beflügeln, auch wenn neue Zölle verhandelt werden sollten. Die EZB wird klug genug sein und einen homöopathischen und kommunikativ gut begleiteten Pfad der Normalisierung beschreiten.“

Fürstlich Castell’sche Bank, Credit-Casse AG
Sascha Gründl
Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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