Breentry statt Brexit – die Chancen steigen deutlich

Beim Stichwort „Exit vom Brexit“ herrscht weitläufig das Bild eines baldigen neuen Referendums der Briten über ihren Verbleib in oder Ausstieg aus der EU vor. Doch in diesen Tagen stand der Exit vom Brexit für den Weggang zweier prominenter Wortführer der hartgesottenen EU-„Leaver“. Kaum nämlich, dass Premierministerin Theresa May den dreiseitigen Outcome der Kabinettklausur in Chequers präsentierte und darin „Unworte“ wie Freihandelszone oder auch Zollunion erwähnte, verabschiedeten sich sowohl Außenminister Boris Johnson wie auch Brexit-Minister David Davis medienwirksam aus dem Kabinett.

EU-Ratspräsident Donald Tusk quittierte den Abgang der beiden harten Brexiter postwendend mit einem süffisanten Tweet – garniert mit einer großen Portion Hoffnung auf einen möglichen Exit vom Brexit: „Politiker kommen und gehen, aber die Probleme, die sie geschaffen haben, bleiben für die Menschen. Ich kann nur bedauern, dass die Brexit-Idee nicht mit Davis und Johnson gegangen ist. Aber… wer weiß?“ (Quelle: Twitter)

Selbst US-Präsident Donald Trump war sich am Rande des NATO-Gipfels in Brüssel nicht so sicher, ob Brexit wirklich Brexit bedeutet, als er sagte, dass die Bürger zwar dafür gestimmt hätten, vielleicht aber doch einen anderen Weg einschlagen werden.

Die Interpretation der Signale

Die Rücktritte von Außenminister Boris Johnson und Brexit-Minister David Davis sendeten unterschiedliche Signale. Für die einen scheint mit dem Weggang der zwei einflussreichsten Brexit-Hardliner der Weg frei zu sein für einen soften Brexit, inklusive Freihandelsabkommen für Agrar- und Industriegüter und einer Zollunion, die das Wiedereinführen von Grenzkontrollen zwischen UK und der EU und damit eben auch zwischen Nordirland und der Republik Irland überflüssig machen soll.

Die anderen aber fürchten, dass der Weggang von Johnson und Davis nur die Ouvertüre zur von Pauken und Trompeten begleiteten Abwahl Theresa Mays sein könnte. Am Ende, so die große Angst, verliert sich Großbritannien kopf- und führerlos im Chaos und „stolpert“ im März 2019 vollkommen ungeordnet aus der EU.

Märkte unbeeindruckt und optimistisch

Die wirtschaftliche Entwicklung scheint sich der ersten Interpretation anzuschließen. „Betrachten wir den FTSE 100, so sehen wir in den letzten Tagen nur marginale Schwankungen. Er zeigt sich stabil. Seit dem Votum für den Brexit konnte der Index um rund 19 % zulegen. Der DAX hat im gleichen Zeitraum einen Zuwachs von rund 22 % zu verzeichnen – der französische CAC 40 um rund 23 %. Das zeigt, die Wirtschaft geht definitiv nicht von einem harten Brexit aus und wird ihren ganzen Einfluss einsetzen, dass Großbritannien auch zukünftig ein Kooperationspartner der EU bleibt. Deswegen sehen wir als Vermögensverwalter im weltweiten Vergleich mittelfristig ein Erstarken Europas – was sich auch in unserer Anlagepolitik widerspiegeln wird“, so Dr. Sebastian Klein, Vorstandsvorsitzender der Fürstlich Castell’schen Bank.

Die Entwicklung des Britischen Pfunds zum Euro stellt sich nur begrenzt anders dar: Die gefühlte negative Kursentwicklung ist höher als die reale. Dabei hat auch das Pfund nur rund 6 % seit Mitte 2016 verloren. Dr. Sebastian Klein: „In der reinen Zahlenentwicklung spiegelt sich aus unserer Sicht wider, dass die Wirtschaft wohl nicht davon ausgeht, dass final über den Brexit entschieden ist. Neben dem nun anscheinend eingeschlagenen friedlichen Kompromissweg mit der EU, besteht auch immer noch die nicht zu unterschätzende Möglichkeit, dass es zu Neuwahlen oder einem erneuten Referendum in den nächsten Monaten kommen kann. Wir schätzen die Chancen eines de facto Exit vom Brexit auf rund 50 %.“